Die amerikanische Nacht

Die amerikanische Nacht

François Truffaut war zwar einer der wichtigsten Verteter der experimentierfreudigen Nouvelle Vague und vehementer Kritiker für das Cahiers du Cinéma, doch einige Jahre danach, widmet er sich mit Die amerikanische Nacht ganz dem Film und Filmemachen an sich, seiner größten Leidenschaft, der er mit voller Hingabe eine cinematografische Liebeserklärung zukommen lässt.

Die amerikanische Nacht handelt von der Produktion eines eher gewöhnlichen Melodrams mit dem Titel „Je Vous Présente Paméla“, dessen Hauptrollen mit der Schauspielikone Alexandre (Jean-Pierre Aumont), der alternden Diva Séverine (Valentina Cortese), dem jungen Alphonse (Jean-Pierre Léaud) und der britischen Darstellerin Julie Baker (Jacqueline Bisset) besetzt sind. Während Regisseur Ferrand (François Truffaut selbst) am Set allerhand Probleme zu bewältigen hat, wie beispielsweise die Wahl der passenden Requisiten oder die zigfachste Wiederholung einer prinzipiell einfachen Szene, spielen sich hinter den Kulissen mehrere Dramen ab. Die Schauspieler haben Romanzen, Affären und Beziehungsenden zu durchleben. Es gibt zeitliche Engpässe und sogar Todesfälle beim Dreh.

Truffauts Film ist ein unterhaltsamer, aber zugleich auch melancholischer Einblick in das stressige Leben am Set. Ferrand bekommt selten einmal Momente, in denen er verschnaufen kann, bevor er sich der nächsten Problematik widmen muss, damit der Film auch endlich irgendwann einmal fertiggestellt werden kann. Truffaut präsentiert die Handlung in klassischen Bildern und praktikabler Struktur. Vorbei sind die Zeiten des Experimentierens der 60er, obwohl Truffaut auch bereits zu dieser Zeit nicht die anstrengendsten Filme drehte. Die amerikanische Nacht ist kein Kind der Nouvelle Vague im engeren Sinne, sondern eine lockere – aber keineswegs zu flache – Betrachtung des Filmalltags. Die Form gerät dadurch eher zur Nebensache. Ästhetische Spielereien hätten womöglich auch den Blick vom Wesentlichen abgelenkt. Stattdessen hält sich Truffaut an ein stilsicheres, homogenes Ganzes ohne großes illusionistisches Spektakel, denn es geht ihm ja gerade darum, die Illusionen des Filmemachens zu offenbaren.

Diese Offenlegung der Geheimnisse um die Produktion eines Filmes ist jedoch nicht als Angriff zu verstehen, sondern gelingt Truffaut auf eine respektvolle Art und Weise, ohne dass das Kino seinen faszinierenden Zauber einbüßen muss. Im Gegensatz zum Film Die Verachtung (1963) seines langjährigen Kollegen und Freundes Jean-Luc Godard, der allein schon wegen des Produktionsjahrs noch stärker in der Nouvelle Vague steckt und die Thematik des Filmemachens entsprechend verbissener anging, beschreitet Truffaut mit Die amerikanische Nacht einen anderen Weg, der von weit mehr amüsanteren Szenen dominiert wird und somit die angenehmere Abendunterhaltung sein kann.

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