Brazil

Brazil
© 20th Century Fox

Dieser seltsame Terry Gilliam, notorisch vom Pech verfolgt, springen ihm Produzenten ab, werden Projekte eingestampft und müssen Darsteller ersetzt werden, doch sein anti-utopisches Kunstwerk Brazil zeigt einmal mehr, warum der britische Regisseur aus der Filmkultur nicht mehr wegzudenken ist. Seine kafkaeske Bürokratensatire ist eine der humorvollsten, aber auch düstersten Zukunftsvisionen der Filmgeschichte.

Der unauffällige Archivarbeiter Sam Lowry (Jonathan Pryce) ist für das mächtige Ministry Of Information (M.O.I.) in einer technisierten und bürokratisierten Welt tätig. Während er seine kleine Rolle im großen Informationsbearbeitungsapparat wunschlos akzeptiert und sogar eine von seiner einflussreichen Mutter (Katherine Helmond) arrangierte Beförderung ablehnt, ist er in seinen surrealen Träumen ein großer Held in prachtvoller Rüstung, der immer wieder gegen ungewöhnliche Feinde antreten muss und nach einer mysteriösen blonden Schönheit strebt.
Als es im Ministerium durch einen Druckfehler zu einer Verwechslung kommt, wird statt dem illegalerweise freischaffenden Heizungsingenieur Tuttle (Robert De Niro), der als systemfeindlicher Terrorist gilt, der unschuldige Familienvater namens Buttle verhaftet und getötet. Um die ordnungsgemäße Nachbearbeitung dieses bürokratischen Irrtums soll sich nun Sam Lowry kümmern. Bei dem Überbringen eines Rückvergütungsschecks, entdeckt er die blonde Frau, die er schon so oft in seinen Träumen gesehen hat. Fortan tut er alles daran, die junge Lastwagenfahrerin namens Jill Layton (Kim Greist) vor dem verqueren System zu bewahren, dass es auf sie, aber gleichfalls auch auf ihn selbst abgesehen hat.

Beklemmende Bürokomplexe, düstere Häuserschluchten und jede Menge Rohre und Schläuche zeichnen das großartige Art Design von Brazil aus, das lediglich in den Tagträumen Sams einen Hauch von Trashcharakter erhält, wenngleich man diesen Szenen einen gewissen Charme und Einfallsreichtum nicht absprechen kann.
Die – für Gilliam typisch – zur Eigenartigkeit überzeichneten Charaktere sind weitgehend gut gespielt und wissen zu überzeugen, vor allem der für freie Gewerbe kämpfende Heizungsingenieur Tuttle, den De Niro einfach auf liebenswürdig verwegene Weise verkörpert oder der stets so freundlich aufgelegte Jack Lint (Michael Palin), der dem wohl zweifelhaftesten Job im Ministerium nachgeht.
Musikalisch wird Brazil von einem beschwingten Sambatitel namens „Aquarela do Brasil“ getragen, der ursprünglich von Ary Barroso 1939 komponiert und für den Film in einer neuen Version von Geoff Muldaur eingespielt wurde. Dieses fröhliche Maintheme illustriert passend den Kontrast zwischen der tristen Anti-Utopie und den Gedanken an schönere, ferne Orte, mit denen auch Sam Lowry seinem Umfeld zu entkommen versucht. Dies ist mit ein Grund, warum Terry Gilliam für seinen Film diesen zuerst zusammenhangslos erscheinenden Titel gewählt hat.

Brazil ist einer von Gilliams stärksten Filmen. Er schuf mit diesem Werk einen finsteren Science-Fiction-Film, der es zum Glück nicht lassen kann, immer wieder ins Satirische und Groteske zu driften. Ein bizarrer Verwaltungswahnsinn. Eine gekonnte Mischung aus humorvollen und verstörenden Szenen mit einem beeindruckenden Finale, das es in sich hat.

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Ein Gedanke zu “Brazil

  1. In der Tat ein Meisterwerk, das viele literarische und stilistische Strömungen (1984, Kafka, Metropolis, Terry Gilliam, vielleicht etwas Gormenghast…) in sich vereint. Ich vermute aber, dass Tom Stoppards Beitrag nicht gering zu schätzen ist in dem Umstand, dass dies ein so ausgewogenes und dramatisches Werk ist. Mir scheint es nämlich, dass Terry Gilliam teilweise Probleme hat, seine Filme nicht zerfasern zu lassen.

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