Perfect Blue

Perfect Blue

Hätte David Lynch sich mal an einem Animationsfilm versucht, wäre vielleicht Perfect Blue dabei herausgekommen. So aber war es natürlich an niemand geringerem als Satoshi Kon, sich mit seinen psychologischen Experimenten in Animeform hervorzutun. Entstanden ist dabei 1998 ein gekonnter Psychothriller, der sich auf drei Realitätsebenen mit der Suche nach Identität und Wirklichkeit beschäftigt.

Mima Kirigoe (Junko Iwao) singt in einer auf niedlich getrimmten, aber nicht allzu erfolgreichen Girlgroup namens „Cham“. Als ihr Agent jedoch rät, eine Schauspielkarriere zu beginnen, kehrt sie dem Musikgeschäft den Rücken und nimmt eine Rolle in einer TV-Serie an. Sie spielt in dieser Serie jedoch eine Stripperin in einem Nachtclub und stimmt sogar zu, eine Vergewaltigungsszene zu drehen. Dieses neue Image, das sie dadurch von sich in der Öffentlichkeit generiert, entspricht allerdings so gar nicht dem ursprünglichen Bild vom unschuldigen, süßen Mädchen, das ihre Fans von ihr hatten, als sie noch mit ihren Freundinnen als Girlgroup in rosafarbenen Kleidchen auftrat.
Neben Selbstzweifeln und Schuldgefühlen gegenüber ihren ehemaligen Kolleginnen scheint sie außerdem ein fanatischer – beinahe wahnsinnig anmutender – Fan zu verfolgen, der alles tun würde, damit Mima wieder ihrem eigentlichen Image entspricht. Seine verunsichernde Visage taucht immer häufiger an den Orten auf, an denen sich Mima gerade aufhält. Darüber hinaus erhält sie obszöne Telefonanrufe und merkwürdige Fanpost. Eine Website namens „Mima’s Room“, für die Mima selbst nicht verantwortlich ist und von der sie bis vor kurzem nichts wusste, veröffentlicht erstaunlicherweise Informationen über sie, die niemand außer ihr selbst hätte wissen können. Allmählich drängt sich ihr die Frage nach der eigenen Identität auf. Als schließlich die ersten Menschen sterben, mit denen Mima in ihrem täglichen Umfeld zu tun hat, tut sich ein psychischer Abgrund auf, der sie nach und nach zu verschlingen droht.

Die Handlung zeigt sich in sauberen, soliden Animationen und in einem relativ nüchternen Stil ohne allzu überstilisierte visuelle Elemente, die man in manch anderen Animes nur zur Genüge findet. Bei Perfect Blue jedoch würde das auch gar nicht so wirklich passen. Der finstere und bisweilen verwirrende Plot ist ein einziges Psychospiel, eine mentale Achterbahnfahrt der Protagonistin und konzentriert sich dementsprechend auf viele Szenen, deren Einordnung ein bisschen Überlegung bedarf. Wahnvorstellungen und Paranoia suchen Mima heim, die sich mehr und mehr selbst fragt, welche Version ihrer selbst denn nun die wahre Mima sei. Ist sie in ihrer neuen Rolle als Schauspielerin endlich frei, endlich sie selbst oder lügt sie sich nur des Erfolges wegen etwas vor? Ist ihre Entscheidung die moralische Beschmutzung ihrer selbst?
Die eingangs erwähnten drei Realitätsebenen teilen sich auf in die Film-im-Film-Realität von Mimas Darstellung als Stripperin, in ihre Wahnvorstellungen und in die tatsächliche sie umgebende, aber nicht minder düster werdende Wirklichkeit. Dass die Person, die Mima in der TV-Serie verkörpert, zudem noch an einer Persönlichkeitsspaltung leidet, macht’s dem Zuschauer ebenfalls nicht unbedingt leichter. Die verschiedenen Ebenen lassen sich anfangs noch distinkt trennen, doch je tiefer Mima in die geistige Finsternis hinabsteigt, desto verwaschener werden die Grenzen. Geschickte Schnitte werfen den Zuschauer in ein Kaleidoskop aus Wahrnehmungen von blutigen Morden und mysteriösen Doppelgängern. Perfect Blue entwickelt sich zu einem nicht ganz einfach zu durchblickenden Geflecht von Angst und Verzweiflung, das sein Publikum anschließend mit einer verstörenden Auflösung zurücklässt.

Nach einem gemächlichen Beginn, steigert sich Perfect Blue in der zweiten Hälfte zu einem lynchesken Alptraum, einem außerordentlich gut konzipierten Psychothriller, auf den auch ein Alfred Hitchcock stolz sein könnte.
Kons Film ist ein Anime von solch beeindruckender Art, dass es schon verwundert, noch nichts von einem der heutzutage ja üblichen US-Remakes zu hören. Die entsprechenden Rechte liegen zwar bei Darren Aronofsky, doch dieser schien sie nur zu benötigen, weil er den Aufbau der Badewannenszene aus Perfect Blue für eine entsprechende Sequenz in Requiem For A Dream (2000) wiederverwendete. Vielleicht ist es auch besser so, denn ein mögliches Remake hätte eine nur zu schwere Aufgabe, die Kraft und den Charme des Originals adäquat einzufangen. So ist Perfect Blue ein Pflichtfilm für Animefans, aber vor allem auch für Freunde von unbehaglichen Psychothrillern, die ihre Figuren und den Zuschauer gleichermaßen fordern.

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Ein Gedanke zu “Perfect Blue

  1. Als ich noch klein war habe ich ein paar Szennen in VOX (Der eine Fernsehkanal) gesehen. Ich hab ziemlich lange nachdem Film gesucht, bis ich dann Internet hatte und mir dann die DVD bestellen konnte.
    Grandioser Film und der Soundtrack ist auch nicht zu verachten.

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