Enter the Void

Enter the Void - FilmplakatAcht Jahre nach seiner kontroversen Tour de Force namens Irreversibel – ein Film, der aufgrund seiner explizit dargestellten erniedrigenden Gnadenlosigkeit so einige Zuschauer empört und verstört aus den Kinosesseln trieb – serviert uns Gaspar Noé nun seinen neuesten Brocken: Enter the Void
Und auch dieses Mal verlangt er dem geneigten Zuschauer wieder einiges ab. Über 160 farbenfrohe Minuten breitet er einen exzessiven Bilderrausch aus, dessen audiovisuelle Gewalt noch bis über den Abspann hinaus nachwirkt.

Dimethyltryptamin, kurz DMT, ist eines der stärksten bekannten Halluzinogene und genau der Stoff, den Oscar (Nathaniel Brown) in seiner Wohnung in Tokyo raucht. Während er entspannt auf dem Boden liegt, verwandelt sich die Kinoleinwand in ein Meer aus bunten Farben, Formen und Mustern, die sich bewegen, verändern und ineinander übergehen. Mehrere Minuten lang betrachten wir eine bunte, abstrakte Welt, begleitet von Rauschen und Dröhnen. Bereits hier wird klar, mit welchen Dingen der Protagonist in der japanischen Metropole zu tun hat und vor allem, was für eine Art Film den Zuschauer erwartet: Ein wabernder, sich windender Koloss von Film, der sich sträubt, üblichen filmischen Konventionen zu folgen, sowohl ästhetisch, als auch narrativ.
Oscar besorgt desöfteren Dogen für einen jungen Engländer namens Victor (Olly Alexander). Doch dieses Mal läuft etwas schief. Als sich Oscar im Club Void zu Victor an den Tisch setzen will, um ihm seinen Stoff zu übergeben, stürmen Polizisten die Location. Oscar flieht auf die Toilette, um die Drogen zu vernichten, doch seine Verfolger zögern nicht lange. Ein Schuss ertönt, Blut fließt, Oscars Blut. Er sinkt zu Boden, durchlebt seine letzten Sekunden und nimmt den Zuschauer danach mit auf eine körperlose Reise durch Raum und Zeit bis in die Leere allen Bewusstseins.

All das, vom Beginn des Films in Oscars Apartment, bis hin zu seinem Ableben in der Toilette des Clubs, wird nicht bloß subjektiv aus Oscars Sicht erzählt, nein, stattdessen wird sogar die Kamera vollständig subjektiviert und wir erfahren das Schicksal des Junkies unmittelbar durch seine Augen betrachtet. Oscars Bewegungen bestimmen dabei vollkommen die Bewegungen der Kamera, die seine Sicht exakt und nahezu ohne spürbare Schnitte vom Anfang bis zu seinem Tod wiedergibt. Gaspar Noé platziert den Zuschauer im Körper seines Protagonisten, um ihn anschließend gleichzeitig mit dessen Bewusstsein wieder vom Fleisch zu lösen. Von diesem Moment an schwebt die Kamera wie eine nichtstoffliche Entität durch Räume, Flure, Straßen und Körper, durchdringt mühelos Wände, Böden und Decken und scheint unaufhaltsam Raum- und Zeitachsen entlang zu gleiten, wie’s beliebt.
In diesem Zustand ermöglicht Noé dem Zuschauer, einen Blick in Oscars vergangenes Leben zu werfen, in seine Kindheit, in der er und seine Schwester Linda (Paz de la Huerta) einen Autounfall überleben, bei dem ihre Eltern ums Leben kamen. Wir sehen, wie sich die beiden Geschwister schwören, auf ewig zusammenzubleiben und wir sehen auch, wie sie getrennt werden, um bei unterschiedlichen Familien aufzuwachsen und wie das Versprechen nicht gehalten werden kann.

Als Erwachsener zieht es Oscar nach Tokyo, wo er sich mit kleineren Drogendeals das nötige Geld verdient, um seiner Schwester ein Flugticket zu besorgen. Nach ihrer Ankunft lebt sie zusammen mit ihrem Bruder und beginnt, ihr Gehalt als Stripperin zu verdienen. Repräsentativ für eine längst vergangene Idylle sitzen Oscar und Linda im goldenen Schein der Abendsonne und blicken in die Natur; von dieser Atmosphäre ist seitdem beide in Tokyo leben nicht mehr viel übrig geblieben. Die Japanische Hauptstadt zeigt sich als nächtliches Farbengewirr, als düsteres Moloch voller Sex, Gewalt und Drogen.

Wann immer eine Szene wechselt, gibt es keinen üblichen Schnitt, sondern eine Kamerafahrt, die alles durchdringend zum neuen Ort des Geschehens schwebt. Dadurch, dass sich die visuelle Gestaltung eng an Oscars körperloses Dasein anlehnt, wird Enter the Void zu einem ästhetisch äußerst ungewöhnlichen Erlebnis. Komplexe Kamerabewegungen durch den freien Raum, sowie das immer wieder kehrende Eintauchen in Lichter und Farben lassen den Zuschauer einen wahnsinnigen, einzigartigen Trip erfahren.

Begleitet werden die halluzinatorischen Szenen von Fragen nach der ultimativen Grenzerfahrung im Augenblick des eintretenden Todes und nach einer möglichen Wiedergeburt frei nach dem tibetanischen Buch der Toten, das Oscar kurz vor seinem letzten Deal gelesen hat. Noé spielt mit den Motiven, gibt potentielle Wahrscheinlichkeiten, lässt die endgültige Lösung allerdings offen genug für ein wenig Interpretationsraum. Bevor man jedoch zu einer abschließenden Interpretation kommen kann, arbeitet man sich erst einmal durch die Handlungsfragmente und Bewusstseinsfetzen, die einem in nichtchronologischer Reihenfolge vorgesetzt werden. Verbunden sind diese ohnehin schon visuell begeisternden und inhaltlich nicht immer leicht verdaulichen Szenen durch gekonnt unauffällige Montage und herausragende Cinematographie. Enter the Void ist eine nur schwer zu beschreibende Sinneserfahrung, eine narkotische Bewusstseinsreise, ein zweieinhalbstündiger Trip in die drogendurchtränkten Abgründe Tokyos und zugleich ein filmästhetischer Meilenstein.


Originaltitel: Enter the Void
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé, Lucile Hadzihalilovic
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Italien
Produktionsjahr: 2009

Copyright der Bilder: Capelight

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5 Gedanken zu “Enter the Void

  1. Es ist mir bekannt, dass „Enter the Void“ oft als zäh beschrieben wird. Für mich war der Film z.B. nach „37° le matin“ (1986) von Beineix mal wieder ein Beispiel für die Fähigkeit der Franzosen, den Zuschauer rund drei Stunden lang zu fesseln (was Tinseltown mit pseudopolitischen Filmchen nur zu oft vergeblich versucht). – Und wenn mir noch einer was gegen „Memento“ sagt, gibts Haue. ;)

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  2. So verschieden sind die Geschmäcker. Ich halte MEMENTO für einen der meist überschätzten Filme der letzten 20 Jahre und habe nach einmaligem Sehen die DVD tief in meine Giftkiste der DVD-Fehlkäufe vergraben. Einmal Anschauen ist ok, aber ein zweites Mal (zumindest auf absehbare Zeit) werde ich dieses selbstverliebte „Meisterwerk“ nicht in meinen Player legen. Außer seiner „genialen“ rückwertigen Narration hat MEMENTO nicht viel zu bieten. Geradezu klassisch, ein Kaiser ohne Kleider. Im Vergleich dazu fand ich IRREVERSIBLE geradezu spannend. Aber ich kenne einige Leute, dessen Meinung ich ansonsten sehr schätze, die dies vollkommen anders sehen.

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  3. Gaspar Noés IRREVERSIBLE hat bei mir einen sehr faden Nachgeschmack hinterlassen. Nach dem alptraumartigen Gewaltstrudel des Beginns, verliert sich er sich in seiner chronologisch gewendeten Erzählstruktur, eine „innovative“ Idee die schon bei Christopher Nolans langweiligem MEMENTO nur genervt hat. Ein mit stilistischen Spielereien zugekleisterter Film, der sich zu sehr in seiner eigenen „Genialität“ sonnt, mich am Ende aber nur noch anödet.

    Aber natürlich gebe ich ENTER THE VOID eine faire Chance, der Trailer hat mich mit seinem visuellen Feuerwerk wirklich geblendet (mit einer polierten Oberfläche kann man mich durchaus beeindrucken). Nach deiner positiven Rezension bin ich umso mehr gespannt.

    PS
    Das nihilistische Schwarz steht deinem Blog!

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    1. Na ja, ich finde, dass die entgegengesetzte Narration sowohl bei „Irrevérsible“, als auch noch viel mehr bei „Memento“ den Inhalt ziemlich gut unterstützt hat. Ich könnte nicht sagen, dass es mich persönlich genervt hat. Bei „Enter The Void“ finde ich dieses Hin- und Herschweben zwischen den verschiedenen Handlungsteilen auch eigentlich der Thematik des Films angemessen und irgendwie auch mal erfrischend anders, vor allem, wenn es derart stilvoll visuell gestaltet ist wie hier.
      Ich kann aber natürlich auch die verstehen, die sich bei Noé Filmen langweilen. Seine Filme spalten ja ohnehin die Meinungen und „Enter The Void“ birgt ebenfalls die Gefahr, mit seinen 160 Minuten wie ein zähes, farbenfrohes Etwas daherzukommen.

      Und was mein Design angeht: Ja, ich wollte mal was neues ausprobieren. Vielleicht lasse ich das ja dauerhaft. =)

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