Nuit Noire

Nuit Noire

Nuit Noire ist die zweite abendfüllende Regiearbeit des Belgiers Olivier Smolders und zugleich eine finstere Reise durch schier ewige Nacht und kafkaeske Bildebenen, die verstärkt auf Metaphern und Impressionen setzen, als auf kohärente Erzählstruktur.

Oscar (Fabrice Rodriguez) ist ein Insektenspezialist, der im Museum seines Vaters arbeitet. Seine jeden Abend daheim präparierten Insekten nimmt er tagsüber mit an seinen Arbeitsplatz, um Käfer für Käfer akkurat mit einer Nadel auf eine Tafel zu stecken und mit Schildern zu versehen, auf denen der Name der jeweiligen Spezies geschrieben ist. Tagsüber ist dabei fast zu viel gesagt, denn tatsächlich ist das Sonnenlicht alle 24 Stunden für nur etwa 15 Sekunden zu sehen, danach herrscht wieder Finsternis wie eine nicht enden wollende Nacht. Während Oscar bei der Insektenpräparation Ruhe und Sicherheit ausstrahlt, ist er doch bei seinem Psychotherapeuten davon überzeugt, als Kind verantwortlich für den Tod seiner Schwester gewesen zu sein. Dieser jedoch bezweifelt, dass Oscar je eine Schwester gehabt hatte, obwohl sein Patient ihren Tod in seinen Erinnerungen immer und immer wieder vor sich sieht. Als wäre das nicht genug, steht in seiner Wohnung eine seltsam aufgeblähte Frau kurz vor einer außergewöhnlichen Metamorphose, die die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen lässt.

Wer jedoch eine stringente und stets verständliche Narration erwartet, ist bei Nuit Noire sicherlich falsch. Immer wieder werden Oscar und der Zuschauer mit surrealen Elementen konfrontiert, die an der Realität zweifeln lassen. Zwischendurch präsentiert uns Olivier Smolders immer wieder Stücke aus Oscars Erinnerung, die entweder als kleine Bühnenstücke mit Theaterkulisse daherkommen oder in einer rauschenden Super-8-Kamerästhetik. Im Museum sind Gedichte durch die Lautsprecher zu hören und sämtliche Charaktere des Films verhalten sich auf die ein oder andere Art seltsam. Viele davon erwecken ohnehin den Eindruck, nur Symbol oder Metapher zu sein. Da wären die beiden alten Männer auf ihrem Tandem für das Zwillingsmotiv oder die Frau in Oscars Apartment, die wie ein Insekt eine physische Metamorphose durchmacht, während Oscar eine Verwandlung psychologischer Natur erlebt.
Smolders ist dabei gar nicht so sehr an der Narrationsstruktur interessiert, als viel mehr an der Atmosphäre, am Gefühl, das entsteht, wenn er seine Vorstellung von surrealem Drama ausbreitet. Nuit Noire wirkt daher oftmals wie eine Traumreise, deren einzelne Stationen nur lose assoziativ verknüpft sind.

Man nehme also Franz Kafkas „Die Verwandlung“, die düsteren Alptraumwelten eines David Lynch, füge ein wenig Ästhetik von Jean-Pierre Jeunet hinzu und garniere das Ganze mit gilliameskem Wahnsinn: Heraus kommt ein nicht leicht verdauliches, irrationales Etwas, das sich zeitweise in seiner Ästhetik und Metapherorgie verliert, aber insgesamt eine sehenswerte bizarre Erfahrung ist.

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2 Gedanken zu “Nuit Noire

    1. Dann viel Erfolg dabei, bei Amazon hat er nämlich immer noch den etwas hohen Preis, den ich damals bereits dafür zahlte. Aber gelohnt hat es sich schon. Ich mag dieses komische Teil, nur DVD-Abendtauglich ist er vielleicht nicht uneingeschränkt. ;)

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