Walhalla Rising

Walhalla Rising

Nach dem knallharten Biopic Bronson (2008), über einen der gewalttätigsten Häftlinge Großbritanniens, kehrt der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn mit Walhalla Rising zu seinen nordischen Wurzeln zurück und schildert eine brutale, aber zugleich auch spirituelle Reise eines kompromisslosen, schweigsamen Mannes durch den rauen Norden des elften Jahrhunderts.

Direkt zu Beginn sehen wir Männer, die sich im Dreck wälzen und auf Leben und Tod kämpfen. Es gewinnt stets derjenige, der seinem Gegenüber zuerst den Schädel spaltet. Sklavenkämpfe, an denen sich die nordischen Stammesführer erfreuen, solange sie ihren Wetteinsatz vervielfachen können. Unter den Sklaven ist auch der einäugige One Eye (Mads Mikkelsen), ein gefürchteter Krieger, denn er ist geschickt, er ist gnadenlos und er verliert nicht. Während eines Marschs gelingt es ihm, sich zu befreien und all die Männer zu töten, die ihn jahrelang wie ein Tier in einem Käfig hielten. Lediglich den kleinen blonden Jungen namens Are (Maarten Stevenson) lässt er am Leben. Dieser ist von One Eye in gewisser Weise fasziniert und da es ohnehin keinen Ort gibt, an den er zurückkehren könnte, folgt er dem Krieger fortan auf dem Fuße und fungiert als sein Sprachrohr, denn One Eye spricht mit niemandem; Are hingegen scheint jedoch mit ihm kommunizieren zu können.
Als One Eye beschließt, christianisierte Nordmänner auf dem Weg zu den Kreuzzügen nach Palästina zu begleiten, beginnt eine mystische und gefährliche Fahrt ins Ungewisse, ein Treiben durch dichten Nebel und unbarmherzigen Pfeilhagel. Und schon bald wird klar, dass das Schiff niemals in Palästina ankommen wird, sondern an einem weit finstereren Ort.

Nicolas Winding Refns Film trifft so manchen Zuschauer möglicherweise unerwartet, besonders dann, wenn man sich zuvor von den Trailern vorgaukeln ließ, es handle sich hierbei einfach um rohe Wikingeraction. Tatsächlich aber sind weite Teile des Films eher lange, stille Momente, in denen die Charaktere entweder gerade wandern, rudern oder nachdenklich verweilen. Momente bei denen vor allem auch die triste Atmosphäre der einsamen Landschaftsaufnahmen zu begeistern weiß. Nicht nur die Actionszenen sind seltener als man denkt, auch die wenigen Dialoge sind nur rar gesät, sodass man an vielen Stellen vielmehr den Eindruck bekommt, es hier mit einem Film von Andrej Tarkowskij zu tun haben. Viele Szenen sind ruhig und in ihren Handlungen metaphysisch aufgeladen, jede gesprochene Zeile scheint bedeutungsschwanger zu sein, auch wenn hinter manchen vermutlich weniger Gehalt steckt, als der Regisseur uns weismachen will. Nichtsdestotrotz geht das Konzept gut auf. Den Kontrast zu den für so manchen Zuschauer womöglich fast schon langweilig wirkenden Situationen bilden die wenigen, aber dafür intensiven martialischen Szenen, in denen gerne mal Köpfe, Gliedmaßen und Innereien von ihren Besitzern getrennt werden. Stilistisch haben diese Stellen wiederum Ähnlichkeit mit Mel Gibsons Apocalypto (2006). Über all dem hängt eine bedrückende Stimmung, eine fiebrige Atmosphäre, wie sie schon Werner Herzog in Aguirre, der Zorn Gottes (1972) zu erzeugen wusste. Besonders deutlich macht sich das bemerkbar, wenn die Männer in ihrem christlichen Fanatismus alle Werte und Moral fallen lassen und Stück für Stück dem Wahnsinn verfallen.

Walhalla Rising ist wie ein grau-grüner Brocken von einem Film, der auch nach mehrmaligem Kauen noch schwer im Magen liegt. Refns Werk stemmt sich gegen übliche Konventionen und erinnert stattdessen an vergangene Autorenfilme von Filmemachern, die sich zu metaphysisch inspirierten äußeren, sowie inneren Reisen hingezogen fühlten. Kontrastiert wird das Ganze mit blutigen Auseinandersetzungen. Das fertige Produkt ist letztlich ein wenig wie Europas Norden: Kühler, härter und ungemütlich, aber auch unheimlich faszinierend.

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3 Gedanken zu “Walhalla Rising

  1. Mich hat der Film – das muss ich gestehen – auch ein wenig verwirrt. Sicher ist er metaphysisch aufgeladen, nur kann ich den Inhalt nicht wirklich deuten. Selten hat mich ein Film derart durcheinandergewürfelt…

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  2. Auch ich halte diesen Film für einen einzigen kryptischen Nebel. Zwar irgendwie faszinierend und hypnotisch aber zugleich seltsam inhaltsleer. Besonderen Tiefsinn kann ich nicht erkennen und ich halte es durchaus für möglich, dass er hinter seiner enigmatischen Atmosphäre nur ein Vakuum verbirgt. Ein ganz ähnliches Gefühl wie ich es z.B. bei Filmen von Tarkowski erlebt habe.

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