Antichrist

Antichrist

Im Jahr 2009 gab es in Cannes mal wieder kontroversen Diskussionsstoff und Schreie der Empörung. Ziel der insgesamt äußerst geteilten Meinungen war dieses Mal Lars von Triers Antichrist, ein bildgewaltiges Horrordrama, das mit expliziten Darstellungen von Sex und Gewalt in einem nebelverhangenen Wald aufwartete und seiner Hauptdarstellerin die Auszeichnung der besten Schauspielerin einbrachte.

Die Handlung des Films ist in mehrere Kapitel unterteilt, doch bereits im Prolog wird angedeutet, wie kompromisslos Lars von Trier seine Plotelemente auf die Spitze teibt: Während ein Ehepaar (Charlotte Gainsburg u. Willem Dafoe, im Film durchgehend nur als „Sie“ und „Er“ benannt) leidenschaftlichen Geschlechtsverkehr unter  der Dusche hat, klettert ihr kleiner Sohn aus seinem Gitterbett und über einen Schreibtisch zum Fenster hinaus. In schwarz-weißen Ultrazeitlupenaufnahmen sehen wir, wie im Moment des sexuellen Höhepunkts der Körper ihres Kindes auf der schneebedeckten Straße aufprallt. Glück und Verderben im selben Moment; das ist in diesem Fall nicht sehr subtil, doch Antichrist ist ohnehin ein Film der Extreme und genau darin besonders effektiv.

Sie stürzt daraufhin in einen psychischen Abgrund aus Depression und Angst, aus dem sie auch ihr Mann als Psychotherapeut zunächst nicht befreien kann. Eine neue Möglichkeit ergibt sich, als Er herausfindet, dass sich ihre Angst auf einen Ort namens Eden konzentriert, ein ruhiger, dichter Wald mit einer Holzhütte, in der Sie mit ihrem Sohn Nick den letzten Sommer verbrachte, während sie an einer Arbeit über Genderzid schrieb. Er ist davon überzeugt, dass Sie ihren Zustand überwinden kann, wenn sie mit dem Ursprung ihrer innersten Furcht konfrontiert wird und beschließt kurzerhand, dass sie nach Eden reisen, um die Expositionstherapie in der kleinen Hütte fortzusetzen. Allerdings lassen mysteriöse Vorboten einer seltsamen Prophezeiung – unter anderem in Form eines sich selbst ausweidenden Fuchses, der baldiges Chaos ankündigt – den Aufenthalt im Wald zu einem merkwürdigen. mystisch angehauchten Dasein werden. Immer wieder prasseln stakkatoartig Unmengen Eicheln auf die Hütte nieder. Visionen von nackten Kadavern in Unterholz und Wurzelwerk erinnern an  höllengleiche Gemälde eines Hieronymus Bosch. Sie wird nervöser, manischer und sowohl körperlich, als auch geistig aggressiver. Eden wirkt wie verhext, wie eine dunkle Macht, die von Ihr Besitz ergreift. Er hingegen versucht gegen die Ausbrüche anzukämpfen und kommt einigen Geheimnissen auf die Spur, die ein ungeahntes Ausmaß von Wahnsinn und Bosheit offenbaren.

Die beeindruckenden Bilder sind eine der ganz großen Stärken des Filmes, die zur beklemmenden Atmosphäre beiträgt. Nebelschwaden durchziehen den Waldboden, auf dem wildwachsende, meterhohe Bäume gen Himmel ragen. Manchmal sieht man ein Tier verharren, bevor es wieder seines Weges zieht. Und über allem liegt eine undurchdringliche Dichte, eine hintergründige Finsternis, die bis in die Köpfe zu dringen scheint. Eden ist ein wunderschönes Naturpanorama, doch hinter der trügerischen Schönheit der Flora und Fauna verbirgt sich eine erdrückende Schwärze, die den gewünschten Therapierfolg in weite Ferne rücken lässt. Das einstige Paar wandelt sich im Laufe der Isolation zu Kreaturen von bestialischer Grausamkeit, denn so ansehnlich Lars von Trier den Wald präsentiert, so explizit sind nämlich auch seine Darstellungen von exzessivem Sexualverkehr und brutaler Gewalt. Spätestens wenn er beides in Kombination präsentiert, dreht sich bei manchem Zuschauer gefühlt der Magen um. In Cannes nahmen einige Kritiker dies weniger gut auf, mussten aber auch die künstlerische Ästhetik des Films, sowie herausragende Schauspielleistungen zugeben. Charlotte Gainsbourg mimt eine trauernde Mutter, eine manische Ehefrau und ein dämonisch anmutendes Wesen in einerPerson. Ihr Geist scheint zerfressen und besessen zugleich. Man nimmt ihr den Charakter in jeder Sekunde ab; völlig zurecht also die Auszeichnung für ihr Schauspiel. Willem Dafoe bleibt dagegen ein wenig blasser, zeigt sich aber solide und mit viel Durchhaltevermögen.

Böse Zungen werfen Lars von Trier vor, bloß auf den Schockeffekt abzuzielen, wenn intimste Stellen verstümmelt werden oder in Blut getränkte Tiere auftreten. Eine Haltung, die nicht völlig unverständlich ist, aber ebenso muss man Antichrist keineswegs derart reduzieren, hat er aufgeschlossenen Zuschauern doch schließlich mehr zu bieten als das, nämlich eine Reise in die dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele und des Triebes, eine intensive Grenzerfahrung, die am Begriff wirklichen Horrors weit näher dran ist, als zahlreiche populäre Filme des Genres.

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5 Gedanken zu “Antichrist

  1. Ich kann dir da nur zustimmen, denn wer mit einer gewissen Offenheit in „Antichrist“ geht, bekommt wahrlich mehr geboten, als nur einen gezielt schockierenden Splatter. Ein wenig hatte ich auch das Gefühl, dass die Presse den Film zum Teil auch aufgrund Von Triers umstrittenen Auftritt bei der Presse-Konferenz nach der Erstaufführung in Cannes negativ aufnahmen, beziehungsweise seine Aussagen in ihre Kritiken miteinbezogen. Was ich schade finde, da „Antichrist“ einer der wenigen Filme der letzten Jahre ist, den ich jederzeit gerne weiterempfehle.

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  2. Dachte ich es mir doch! ;) – Der Film sammelt übrigens schon längere Zeit in einem meiner Regale Staub an, weil meine Splatter-Mutti die Horror-Elemente so genoss. Ich bin jedoch entschieden der Meinung, ein Lars von Trier-Film gehe wesentlich tiefer und ich benötige die richtige Stimmung.

    Frohe Festtage!

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    1. Der Film ist tatsächlich mehr als ein flacher Billigschocker und vor allem kein Torture-Porn im Stile eines HOSTEL. Kommt nachts im abgedunkelten Zimmer natürlich besonders zur Geltung. Unbedingt mal anschauen!

      Auch dir ein frohes Fest mit allem drum und dran! =)

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