Deliver Us From Evil

Deliver Us From Evil

Was wäre, wenn man Sam Peckinpahs Straw Dogs (1971) ins heutige Dänemark verfrachten würde? Die Antwort könnte ähnlich aussehen wie der 2009 auf dem Fantasy Filmfest angelaufene Deliver Us From Evil von Ole Bornedal.

Johannes (Lasse Rimmer), ein gut betuchter Akademiker, hat genug vom hektischen Treiben der Großstadt und zieht mit seiner Frau Pernille (Lene Nystrøm) und den gemeinsamen Kindern in das beschauliche Dorf, in dem er mit seinem Bruder Lars (Jens Andersen) aufwuchs. Der kleine Ort in Westjütland ist eine Gemeinschaft voller Zusammenhalt und Nächstenliebe, ein freundliches Dörfchen, in dem jeder jeden kennt. Doch mit dem Frieden ist es schnell vorbei, als Lars mit seinem LKW versehentlich Anna, die Frau von Ingvar (Mogens Pedersen) anfährt und dadurch tötet. Es scheint, als habe es auf der verlassenen Landstraße keiner gesehen, also kommt Lars die Idee, die Schuld auf den Balkanflüchtling Alain (Bojan Navojec) zu schieben, denn der erfreut sich bei der Dorfgemeinschaft ohnehin nicht gerade besonderer Beliebtheit.
Kaum ist der vermeintliche Schuldige gefunden, beschließt Ingvar, den Tod seiner Frau zu vergelten. In kürzester Zeit scharrt er einen wütenden Mob um sich, der – genau wie er – den Ausländer leiden sehen will. Johannes kann sich mit dieser Einstellung überhaupt nicht anfreunden und gewährt dem flüchtenden Alain Unterschlupf in seinem Haus. Von Hass und Zorn getrieben, beginnen zahlreiche Männer und Frauen des Dorfes eine rücksichtslose Belagerung des abgelegenen Anwesens, bei der Johannes schon bald feststellen muss, dass das bloße Warten auf die Polizei nicht ausreichen wird, die anbrechende Nacht zu überstehen.

Dass Deliver Us From Evil darauf abzielt, sich vor dem starken Selbstjustizdrama Straw Dogs zu verbeugen, kann und will Ole Bornedal offenbar nicht verleugnen. Zu auffallend sind die Parallelen, als dass ein Vergleich der beiden Filme unbeachtet bleiben sollte. Wie einst Dustin Hoffmans Charakter in Peckinpahs Film, verkörpert hier Johannes den intellektuellen Außenseiter, der so gar nicht in die eher pragmatische Dorfgemeinschaft voller Saufkumpane zu passen scheint. Die nur geringe Integration ins alltägliche Dorfgeschehen führt zwangsläufig zu einer Inkompatibilität, die sich auch in Bornedals Film eben vor allem im moralischen Bereich äußert. Johannes bewahrt sich als aufrechte, gebildete Person ein überlegenes Verständnis von Moral gegenüber den asozialen, fremdenfeindlichen Dorfbewohnern. Die daraus resultierende finale Eskalation um und in Johannes‘ Haus ähnelt sogar noch stärker der Inspirationsquelle als der bisherige Handlungsverlauf. Natürlich gibt es Abweichungen im Drehbuch, allerdings sind genau diese oftmals die Schwachstellen von Deliver Us From Evil. In Straw Dogs ist der Protagonist selbst ein durchaus unsympathischer Charakter, der über sein Handeln mehr und mehr mit seiner Frau in Streit gerät. In Bornedals Drama werden Konflikte zwischen Lars und Pernille zwar angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt. Sowieso bleibt Johannes im Vergleich zu Peckinpahs Hauptfigur deutlich blasser.

Auf handwerklicher Ebene ist zu vermerken, dass Bornedal fast vierzig Jahre später als Peckinpah sebstverständlich mehr technische Möglichkeiten hat. Speziell bei den Gewaltszenen findet er auch das richtige Maß. Die allgemeine Verarbeitung der Thematik kommt jedoch bisweilen ein wenig plumper und plakativer daher. Wo Peckinpah subtiler zu Werke ging, traut Bornedal dem Zuschauer weniger zu. Und doch ist die dargestellte Gesellschaft im Kleinen erschreckend realitätsnah. So schwarz und weiß die Charaktere in Deliver Us From Evil auch wirken mögen, so authentisch zeigen sich in dem nach außen so idyllischen Dörfchen die Missstände einer dänischen Gesellschaft, die xenophobische Neigungen in sich trägt und damit natürlich leider nicht allein dasteht.
Visuell gibt es eigentlich kaum etwas zu bemängeln, auch wenn man sich nach dem Film wohl fragen mag, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, die Sättigung des Bildes zu erhöhen und den Sepiafilter ein wenig abzuschwächen.

Unterm Strich kommt Deliver Us From Evil nicht ganz an Sam Peckinpahs Straw Dogs heran, bietet aber eine moderne und sehenswerte Alternative zu einem Thema, das an Aktualität und Wichtigkeit nichts eingebüßt hat.

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