Anderland

Anderland

Nach mehreren Kurzfilmen, von denen es einige sogar bis nach Cannes schafften, drehte der Norweger Jens Lien mit seinem zweiten Spielfilm Anderland eine schwarze Satire, die 2006 dreifach mit dem nordischen Filmpreis Amanda ausgezeichnet wurde. Belohnt wurden die stilsichere Regie, das interessante Drehbuch und die überzeugende Hauptrolle in Person von Trond Fausa Aurvaag, der sich als irritierter Protagonist in einer kafkaesken Gesellschaft wiederfindet.

Die Geschichte von Andreas (Trond Fausa Aurvaag) beginnt in einer kargen Einöde, als er – der einzige Fahrgast – irgendwo im Nirgendwo aus einem Bus steigt. Kaum einen Schritt in die graue Wüste gemacht, wird er bereits von einem Ein-Mann-Begrüßungskomittee empfangen und kurz darauf in einem schwarzen Wagen in die Stadt gefahren. Dort findet er eine Welt vor, der es zunächst an nichts zu mangeln scheint. Für perfekte Jobs mit netten Chefs ist gesorgt, für postmoderne Wohnungen mit teurer Inneneinrichtung ebenfalls und auch die Frauen lassen sich leichter auf Beziehungen ein als gedacht. Doch schon bald wird Andreas klar, dass irgendetwas mit dieser Stadt nicht stimmt und ein Leben in dieser Gesellschaft mit mehr Abstrichen verbunden ist, als ihm lieb ist. Das überfreundliche Verhältnis zum Chef, zu den Kollegen und auch zur neuen Beziehungspartnerin Anne Britt (Petronella Barker) wird schnell zur Farce. Von echten Emotionen fehlt jede Spur. Alle Menschen begegnen Andreas stets höflich, aber auch unerträglich oberflächlich. Zudem gibt es keine Konflikte, weder Tod noch Schmerz, keine Kinder, kein Dreck, keine Träume. Das Essen schmeckt fad und der Alkohol zeigt keine Wirkung. Andreas gerät ins Straucheln, sich in diesem kalten System zurechtzufinden, bis er schließlich auf einen Mann trifft, der in seiner Kellerwohnung ein Loch in der Wand entdeckt hat, durch das Musik und das Gelächter von Kindern dringen.

Jens Lien präsentiert auf wunderbare Weise ein System, dessen Selbsterhaltung oberstes Gebot ist. Es generiert keine wirkliche Zufriedenheit. Das Individuum muss alle seine persönlichen Wünsche und Träume, die nicht zugleich dem System dienlich sind, zurückstellen. Da es in dieser Gesellschaft keine echten Emotionen gibt und auch alle sonstigen negativen Faktoren wegrationalisiert scheinen, geht alles eigentlich problemlos vonstatten, wäre da nicht eben dieser Neuankömmling Andreas, der nach mehr strebt als der gewöhnliche oberflächliche Mensch. Tag für Tag hat er auf der Arbeit nichts zu tun außer ein paar Zahlen in einen Computer einzutippen. Im ansehnlich ausgestatteten Haus seiner neuen Freundin, in das er gezogen ist, gibt es nur Langeweile. Der Sex mit seiner Partnerin ist ein bloßer mechanischer Vorgang und die Gespräche mit ihr sind inhalts- und bedeutungslos, drehen sich allenfalls um neue Inneneinrichtung. Andreas vermisst etwas, auch wenn er nicht genau sagen kann, was. Irgendwann ist allerdings der Punkt erreicht, an dem er seinen einzigen Ausweg aus dieser zu perfekten Welt im Suizid sieht. Doch ganz egal, wie oft er sich vor die U-Bahn wirft, keine Wunde und kein Knochenbruch ist tödlich. Schon nach kurzer Zeit sieht Andreas wieder aus wie neu: Vollkommen unversehrt. Gibt es kein Entkommen aus dieser gefühllosen Welt, die vom Regisseur durch die Farblosigkeit der Häuserfassaden und die Sterilität der Büroräume auch auf visueller Ebene eine bedrückende Wirkung auf Protagonist und Zuschauer ausübt?
Und dann trifft Andreas schließlich auf Hugo, der in seiner Kellerwohnung sitzt, und einer schönen Melodie lauscht, die aus einem kleinen Loch in der Wand ertönt. Andreas beginnt, das Loch nach und nach zu vergrößern. Mittlerweile kommen ihm Kuchengeruch und Kinderstimmern entgegen. Die Sehnsucht wird größer und größer, das andere Ende des gegrabenen Tunnels zu erreichen. Der Lärm, den Andreas und Hugo jedoch dabei verursachen ruft die mysteriösen Männer in grauen Overalls auf den Plan, die man am ehesten als verlängerten Arm einer höheren Gewalt, beziehungsweise des Systems selbst betrachten kann. In diesen Momenten kommen natürlich am stärksten Gedanken an Franz Kafka auf, denn wie schon in Werken wie „Das Schloss“ des verstorbenen Autors, in denen die unerreichbare Obrigkeit alle in ihren Augen störenden Elemente in Ungewissheit und Ohnmacht zurücklässt, treten auch hier die grauen Männer auf und konfrontieren Andreas mit den Folgen, die man zu spüren bekommt, wenn man sich nicht anpasst.

So absurd und grotesk einem manche Szenen auch erscheinen mögen und dem Zuschauer unweigerlich ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern, so beklemmend und erschreckend ist Anderland zugleich. Denn auch wenn die dargestellte Dystopie eine stark überzeichnete Wirklichkeit ist, so kommt diese Vision von einer Gesellschaft, die Gefühle vernachlässigt und fast schon klinische Perfektion anstrebt, nicht aus dem Nichts, sondern ist in technologisch fortgeschrittenen und wohlhabenden europäischen Staaten wie Norwegen bereits in Ansätzen erkennbar.
In Liens Film steckt somit ein gewisser Horror vor einer nicht undenkbaren Entwicklung. Mit Anderland ist ihm aber eine intelligente Satire gelungen, die nie in einen drögen, verkopften Essay abrutscht, sondern durchgehend unterhaltsam bleibt und letzten Endes vielleicht sogar ein wenig zu kurz scheint, denn eine konsequentere Steigerung um die Verwirrungen des Protagonisten hätte das Werk vermutlich noch stärker gemacht als es ohnehin bereits ist.

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3 Gedanken zu “Anderland

  1. DANKE DANKE DANKE oO

    du glaubst gar nich wie lange ich den film gesucht hab!!!!

    wir haben den damals in ner sneak preview gesehen und keine wuste den titel!!!

    =)

    danke^^

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  2. Oh, freut mich, dass ich dir damit wieder einen Tipp geben konnte. :)
    Ich hatte über den Film schon vor einiger Zeit etwas gelesen gehabt, bin aber irgendwie lange Zeit nie dazu gekommen, mir den auch mal anzusehen, weil er bei mir auch fast schon wieder in Vergessenheit geraten war. Vielleicht neigt man dazu, diesen Film ein wenig zu übersehen, wer weiß?
    Und „Konkurrenzbesprechungen“ sind doch generell nichts zum Fürchten, im Gegenteil, da merke ich dann meist erst, auf wie viele wichtige Aspekte ich in meinen Texten nicht einmal eingehe. So etwas finde ich sogar eher interessant und auf gewisse Art motivierend.

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  3. Ich bin gerade am gnadenlosen Bestellen von DVDs und frage mich, warum ich noch nie auf die Idee kam, mir „Anderland“ zuzulegen. Wird jetzt nachgeholt. Deshalb: Danke für den Tipp! Eine „Konkurrenzbesprechung“ musst du vorläufig nicht fürchten, da ich sozusagen auf Monate hinaus „ausgebucht“ bin. ;)

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