Dogtooth

Dogtooth

Wenn der Blick auf das griechische Kino fällt, dann meistens auf die Filme der 50er und 60er Jahre. Dieser Zeitraum gilt gemeinhin als der erfolgreichste in der Filmgeschichte des Landes. Seit kurzem allerdings, so scheint es, tut man gut daran, dieser Geschichte ein neues Kapitel hinzuzufügen, denn seit dem Staatsbankrott macht Griechenland nicht nur eine Veränderung auf gesellschaftlicher Ebene durch. Die schwierige wirtschaftliche Lage lässt eine neue Generation von Independentfilmen entstehen, deren Finanzierung ohne Produzenten auskommen muss und auf gegenseitige Unterstützung der Filmemacher angewiesen ist. So macht das Land international derzeit mit niedrig budgetierten, eigenartigen Dramen wie Attenberg (Athina Rachel Tsangari, 2010) und Giorgos Lanthimos‘ Dogtooth auf sich aufmerksam. Letztgenannter gewann einen Preis in Cannes und wurde für einen Academy Award nominiert.

Der sperrige Film handelt von einer außergewöhnlichen Familiensituation. Ein gut betuchtes Ehepaar (Christos Stergioglou & Michele Valley) lebt mit seinen drei erwachsenen Kindern – zwei Töchter (Aggeliki Papoulia & Mary Tsoni) und ein Sohn (Hristos Passalis) – auf einem hochumzäunten Grundstück. Was der Vater beruflich macht, bleibt dem Zuschauer ebenso verborgen wie die Namen der Charaktere. Deutlich wird jedoch: Der Mann hat seine ganz eigenen Vorstellungen von Familienidylle. So leben die Kinder schon immer im Elternhaus, von allem abgeschottet und von Mama und Papa systematisch mit Fehlinformationen gefüttert. Dabei gilt die Außenwelt als besonders gefährlich und voll von schädlichen Einflüssen. Ihr Alltag wird vom Vater geplant und reguliert. Sein Wirken dringt dabei sogar bis in die Kommunikation ein, wenn seine Kinder mittels Kassetten zu uns bekannten Begriffen ganz eigene Definitionen lernen, damit jede potentielle Neugier im Keim erstickt wird. Mit skurrilen Spielen und Aufgaben werden die „Kinder“ bei Laune gehalten. Um die sexuellen Bedürfnisse seines Sohnes zu befriedigen, bezahlt der Vater eine junge Sicherheitsangestellte aus seiner Firma. Doch diese Frau namens Christina (Anna Kalaitzidou) entwickelt Ansprüche, denen der Sohn nicht gerecht werden will. Als sie sich stattdessen an die ältere Tochter wendet und sie heimlich mit Videokassetten von Hollywoodfilmen entlohnt, wächst in dieser ein unaufhaltsames Verlangen nach der unbekannten Welt jenseits des Gartenzauns.

Neben grotesken, auf merkwürdige Art komischen Momenten wie einer unbeholfenen Tanzszene oder einem Versteckspiel im Garten, sind es auch obszöne Perversitäten wie Inzest, die Dogtooth so irritierend wirken lassen. Umso beklemmender ist es, mit welcher Nüchternheit die Charaktere agieren. Emotionale Regungen gibt es keine. Selbst der Geschlechtsverkehr der Eltern wirkt gefühllos, klinisch, kalt.
Passend zu dieser Regungslosigkeit präsentiert sich der Film formal ebenso distanziert. Die Kamera bewegt sich nicht, zeigt fast dokumentarisch immer wieder nur starre Einstellungen. Untermalt wird das Ganze durch die völlige Abwesenheit von Hintergrundmusik. Stilistisch erinnert diese sachliche und wohl dadurch so erschreckende Betrachtungsweise an Filme von Michael Haneke oder Ulrich Seidl, eine Kälte, die griechisches Mittelmeerflair offenbar mühelos neutralisiert.

Die Reaktionen auf Lanthimos‘ Film reichen von Verwirrung über Verstörung bis hin zu Begeisterung. Eines ist klar: Er ist ein Drama über realitätsschaffende Manipulation und seelische Grausamkeit; eine Parabel auf diktatorischen Machterhalt durch Isolation und ein pervertiertes platonisches Höhlengleichnis. Dogtooth ist filmisches Unbehagen von außerordentlicher Qualität und nichts für vergnügliche DVD-Abende.

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