La Antena

La Antena

Sähe er sich konfrontiert mit einem Schwarz-Weiß-Film, bei dem sämtliche Dialoge gelesen werden müssen und dessen Darsteller gnadenloses Overacting betreiben, nähme der durchschnittliche Zuschauer vermutlich Reißaus. In dem Fall entginge ihm allerdings eine visuell interessante Stummfilmhommage des argentinischen Regisseurs Esteban Sapir und zwar das Centerpiece des Fantasy Filmfests 2007: La Antena

Die Filmhandlung unterwirft sich dabei in erster Linie dem visuellen Konzept und ist entsprechend simpel gestrickt: Der schurkische Mr. TV (Alejandro Urdapilleta) kontrolliert bereits durch sein hypnotisches Fernsehprogramm und seine manipulativen Lebensmittel eine ganze Stadt. Die Einwohner kommunizieren über lautlose Worte, die ihren Mündern entschweben, denn der mächtige Alleinherrscher hat ihnen ihre Stimmen entzogen. Als er die letzte verbliebene Stimme der Stadt, die bekannte Sängerin La Voz (Florencia Raggi) entführt, scheint der erste Teil seines Plans abgeschlossen zu sein. Zeit also, zur nächsten Stufe überzugehen, nämlich den Bürgern auch noch die Worte zu nehmen. Doch Mr. TV hat die Rechnung ohne einen findigen TV-Mechaniker (Rafael Ferro) gemacht, der sich gemeinsam mit seiner Familie und dem augenlosen, doch insgeheim ebenfalls noch mit einer Stimme ausgestatteten Sohn der entführten Sängerin aufmacht, ihm das Handwerk zu legen.

Wie bereits angedeutet, ist das Kernstück des Films seine Schwarz-Weiß-Ästhetik im retrofuturistischen Look, der an die Werke von Fritz Lang erinnert. Neben dem ansehnlichen Setdesign und einem überlegten Wechselspiel von Licht und Schatten ist der Clou vor allem die ungewöhnliche Art der Dialoge. Ganz im Stile der Stummfilm-Ära ertönen keine Worte, sondern werden in Textform wiedergegeben. Statt jedoch Zwischentitel auf schwarzem Grund einzublenden, schweben die Buchstaben direkt aus den Mündern der Charaktere. Je nach Lautstärke sind die Worte groß und fett oder klein und schmächtig; mal wird vor Wut ein Wort beiseite geschoben, mal ein geflüsterter Satz hinter vorgehaltener Hand versteckt. Esteban Sapirs kreative Verknüpfung von Form und Inhalt kommt hier voll und ganz zur Geltung.
Anders verhält es sich leider mit der Motivik und Symbolik des Films. La Antena erzählt seine Geschichte natürlich in Bildern. Und wenn man ein Auge zudrückt, mag man sie als ausdrucksstark bezeichnen, doch tatsächlich sind sie meistens einfach zu plump. Während die Kritik an einer manipulativen Medienherrschaft, verkörpert durch einen Bösewicht, der einen kleinen Fernseher an seinem Gesicht befestigt hat, noch als amüsant und dem Tenor des Films entsprechend durchgeht, wirken Dinge wie metallene Hakenkreuze auf der einen, sowie Davidssterne auf der anderen Seite zu banal, zu offensichtlich. Der faschistische Tyrann gegen den Familienvater aus dem Volk, so weit so gut, aber der Plot ist ohnehin schon ziemlich direkt, das Overacting der Darsteller tut sein Übriges, da sind dann noch die platten Symbole zu viel des Guten. An dieser Stelle hätte dem Film etwas Subtilität durchaus gut getan.

So ist La Antena letztlich zwar keine Offenbarung und verfolgt das Konzept style over substance vielleicht zu kompromisslos, kann aber gerade durch die außergewöhnliche Stummfilmästhetik und dem erfrischend neuartigen Einsatz von Zwischentiteln als sehenswertes Experiment bezeichnet werden.

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