Brick

Brick

Die 40er und 50er Jahre bezeichnet man gemeinhin als klassische Ära des Film Noir, einer Stilrichtung von pessimistischen, düsteren Kriminalfilmen, in denen der detektivische Antiheld idealerweise in zwielichtigen Nächten auf moralisch fragwürdige Chraktere trifft und immer tiefer in ein Netz aus Lügen und Intrigen gerät. Nicht minder typisch ist der visuelle Stil, der sich unter anderem besonders in Low-Key-Beleuchtung und für die damalige Zeit ausgefallenem Einsatz von Schatten und Kameraperspektiven äußert. Dass diese Elemente auf die eine oder andere Weise auch in späteren Thrillern erfolgreich Anwendung finden, beweisen Filme wie L.A. Confidential (Curtis Hanson, 1997) oder Memento (Christopher Nolan, 2000). Doch wie sähe es aus, wenn man den Film-Noir-Stil in das Setting einer amerikanischen Highschool verfrachten würde? Funktioniert diese außergewöhnliche Mischung? Rian Johnsons Brick liefert Antworten.

Der Plot dreht sich um den Einzelgänger Brendan (Joseph Gordon-Levitt), der auf der Suche nach seiner Ex-Freundin Emily (Emilie de Ravin) eine finstere Welt voller Manipulation, Drogen und Gewalt betritt, die hinter der idyllischen Fassade einer kalifornischen Highschool lauert. Emilys letzten Anruf erhält der Protagonist an einer Telefonzelle. Die Stimme am anderen Ende klingt verängstigt, verstört und panisch. Es fallen Worte wie „Brick“, „Tug“ und „Pin“. Begriffe mit denen Brendan zunächst nichts anfangen kann, doch mit der Hilfe seines einzigen Vertrauten „The Brain“ (Matt O’Leary) gelangt er an wichtige Informationen, um seine Ermittlungen beginnen zu können. Schnell wird klar, dass Emily in eine gefährliche Sache verwickelt ist, die zwangsläufig ernsthafte Konsequenzen mit sich zieht: Kurze Zeit später findet Brendan ihren Leichnam vor einem Abwassertunnel.
Bei seinen Nachforschungen begegnet er zwielichtigen Gestalten wie der manipulativen Femme fatale Laura (Nora Zehetner), dem aggressiven Tugger (Noah Fleiss) und dem geheimnisvollen Unterweltboss Pin (Lukas Haas). Brendan ist sich des Risikos bewusst, doch er kann nicht ruhen, bevor er herausgefunden hat, was vorgefallen ist und wer Emily ermordet hat.

Die Narration ist recht geradlinig gestaltet; chronologisch hangelt sich Brendan in einer klassischen Detektivgeschichte von einer Person zur nächsten um immer mehr Informationen ans Licht zu bringen. Wortgewandt legt er den Finger dabei stets genau in die richtige Wunde seines Gegenübers. Der Erzählstil bleibt allerdings über die gesamte Laufzeit äußerst subjektiv, denn es gibt keine Szenen ohne den Protagonisten. Die Richtigkeit der Zuschauerwahrnehmung ist also nicht garantiert, dafür sorgt diese Art der Inszenierung aber auch für ihre ganz eigene Spannung. Hinzu kommt, dass die Charaktere vielschichtig miteinander agieren. Nicht selten trifft ein eher einseitiges Vertrauen auf rücksichtslose Manipulation oder gewissenlosen Mord auf der anderen Seite. Intrige wird dem Zuschauer genug geboten, jedoch ohne aufgesetzt zu wirken. Die Motivationen der Figuren bleiben nämlich durchweg naheliegend und nachvollziehbar.

Auf visueller Ebene findet ein Kontrast zum klassischen Film Noir selbstverständlich bereits eine Basis im ungewöhnlichen Setting der Highschool. Darüber hinaus wirkt der Einsatz von Licht und Schatten wie Anlehnung und Antithese zugleich an diese so prägende Stilrichtung für das Thrillergenre. Ganz im Stile von Chinatown (Roman Polański, 1974) ist auch Brick ein Neo-Noir, der eines der grundlegenen Film-Noir-Prinzipien umkehrt und statt auf beklemmende Nachtszenen zu setzen, weitläufige Areale am hellichten Tag zu zentralen Orten der Handlung macht. Brendan ist kein Trenchcoat-Detektiv, der durch finstere Gassen schleicht, sondern ein Teenager, der in gleißender kalifornischer Sonne über eine Highschool schlurft, die wie ausgestorben zu sein scheint. Das Schulgebäude wirkt genau so verlassen wie der Schulhof, der Sportplatz, der Parkplatz, was passenderweise die Isoliertheit von Brendan und seinen Ermittlungen unterstreicht. Im späteren Handlungsverlauf verlagert sich das Geschehen auch vermehrt auf Szenen mit engen Fluren oder niedrigen Decken, wenn sich Brendan auf den Pin einlässt und in den kriminellen Untergrund hinabsteigt. Die Farbpalette des Films ist eher blass und unauffällig, kräftiges Rot dient allerdings als Signalfarbe, sei es Lauras Kleid, wenn Brendan ihr das erste Mal begegnet oder die Jacke von Footballspieler Brad, der für Brendan als Schlüssel zum Netzwerk des Pin dient.

Zugegeben, die Charaktere wirken allesamt darauf bedacht, nie zu viel zu sagen und zu jedem Zeitpunkt im Sinne der Handlung genau die richtigen Worte zu wählen, doch das Zusammenspiel von Dialogen, Figuren und visuellem Stil ist derart durchdacht, dass Rian Johnsons Experiment genau aufgeht und nie wirklich wie ein Fremdkörper wirkt. Brick nutzt das Setting weder für plumpen Teenieklamauk, noch für ein Coming-Of-Age-Drama, sondern für einen herausragenden Neo-Noir, der sich sowohl klassischer Motive bedient, als auch die Stilrichtung um eine postmoderne Ästhetik erweitert und somit einen einzigartigen Detektivthriller von außerordentlicher Qualität erzeugt.

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