Wo die wilden Kerle wohnen

Wo die wilden Kerle wohnen

Angefangen hat Regisseur Spike Jonze mit Skater- und Musikvideos, über mehrere Kurzfilme ging es dann nach Hollywood und schließlich zu seinem ersten abendfüllenden Spielfilm Being John Malkovich (1999), die oskarnominierte Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Charlie Kaufman, der mit Adaption (2002) ein weiteres metareflexives Drama folgte. Sein dritter Film schlägt allerdings eine ganz andere Richtung ein: Statt selbstreferentieller Narration steht vor allem die abenteuerliche Begegnung eines kleinen Jungen mit wilden Monstern im Vordergrund.

Der achtjährige Max (Max Records) jagt im Wolfskostüm seinem Hund hinterher, doch in Ordung ist seine Welt trotzdem nicht. Er fühlt sich vernachlässigt und sehnt sich nach Aufmerksamkeit. Stattdessen aber wird sein kleines Iglu während einer Schneeballschlacht von den Freunden seiner Schwester zerstört und seine geschiedene Mutter (Catherine Keener) bringt auch noch zu allem Überfluss ihren neuen Freund (Mark Ruffalo) mit nach Hause. In einem Wutanfall schreit Max seine Mutter an, beißt ihr in die Schulter und rennt davon. Als er ein kleines Boot an einem Teich entdeckt, steigt er hinein, überquert auf einmal einen riesigen Ozean und erreicht schließlich eine Insel, auf der er großen, wilden Monstern begegnet. Nachdem Max behauptet, er habe magische Kräfte, krönen die Kreaturen ihn zum König und leben fortan mit ihm ein Leben voller Abenteuer und nie enden wollendem Spaß. Doch auch hier, wie Max schon bald feststellen muss, entstehen Probleme, deren Lösung nicht darin besteht, einfach vor ihnen davonzulaufen.

Die Geschichte von Wo die wilden Kerle wohnen ist die Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Maurice Sendak. Während die gut 40 illustrierten Seiten mit wenigen Wörtern auskommen und lediglich einen kleinen Disput beim Abendessen als Auslöser für Max‘ Reise beschreiben, gelang es Spike Jonze, die Handlung um passende Details zu erweitern und ganze 101 Minuten Film zu drehen, die der Atmosphäre gerecht werden und ohne plumpes Füllmaterial auskommen.
Die Beziehung von Max zu seinem Leben bekommt viel mehr Bedeutung, als es auf einmal nicht mehr nur darum geht, dass ein kleiner Junge einfach nur sein Essen ablehnt, sondern um ein generelles Gefühl von Max, in den Augen seiner geliebten Mitmenschen plötzlich nicht mehr wichtig zu sein. Diese kleine, aber feine Änderung lässt den Film im Gegensatz zu seiner Vorlage auf eine komplexere Weise funktionieren und gestattet somit einen leichteren Zugang zur Materie für ältere Zuschauer. Während das Grundgerüst im Buch simpel aber effektiv auf einem ganz grundlegenen Level von Eindrücken und Gefühlen basiert, kommt mit dem Film eine intellektuelle Ebene hinzu, ohne gleichzeitig die Dinge unnötig zu verkomplizieren. Der Plot bleibt zwar nach wie vor relativ dünn, lebt aber nun mehr von seinen Charakteren als noch zuvor. Waren die Monster im Buch nur ein Haufen wilder Kreaturen, eine Masse, die als Kollektivcharakter fungierte, bekommen sie in Film individuelle Eigenschaften und – vor allem – ganz eigene Probleme, mit denen schließlich auch Max unausweichlich konfrontiert wird. Die spaßige Abenteuerinsel wird so schon beinahe zum Therapieort für Max und seine neuen Freunde. Glücklicherweise übertreibt es Spike Jonze in diesem Punkt nicht zu sehr, sodass die Unterhaltung für die jüngeren Zuschauer trotz der im Grunde sehr nachdenklichen Stimmung nicht zu kurz kommt.

Bei der visuellen Gestaltung wurde erfreulicherweise auf CGI verzichtet. Stattdessen entschied sich Jonze für Darsteller in aufwändigen Kostümen, was dem ohnehin schon surrealen Erlebnis ein gewisses Gefühl von Natürlichkeit zukommen lässt. Die Arbeit kann in diesem Bereich nur als hervorragend bezeichnet werden, denn die wilden Kreaturen bewegen sich absolut authentisch, sind zu ausdrucksstarker Mimik in der Lage und sehen den Illustrationen aus dem Kinderbuch mehr als ähnlich.

Wo die wilden Kerle wohnen ist ein sehenswerter Film für Menschen jeden Alters. Die Stimmung des Buches wurde nahezu perfekt eingefangen. Natürlich ist ein pädagogischer Unterton bei einer Kinderbuchadaption fast unvermeidlich, doch dasjenige, was der Film vermitteln will, geschieht zum Glück nicht per Holzhammermethode, sondern erreicht die großen und kleinen Zuschauer auf ganz verschiedene Art.

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