Drive

Drive

Cannes, 2011. Es war Nicolas Winding Refns erste Einladung zum renommiertesten internationalen Filmfestival und direkt ein voller Erfolg. Sein jüngstes Werk Drive lief an, begeisterte die Jury und brachte ihm den Preis für die beste Regie ein. Nachdem Bronson (2008) dem dänischen Regisseur bereits zum Durchbruch in Europa verhalf, ist sein aktueller Film zugleich seine erste Hollywoodproduktion und bei dieser Qualität außerdem eine hervorragende Grundlage für eine aufstrebende Karriere in der amerikanischen Traumfabrik.

Im Mittelpunkt des Filmplots steht der namenlose Protagonist (Ryan Gosling), der tagsüber bei seinem Kumpel Shannon (Bryan Cranston) in der Werkstatt arbeitet und zwischendurch Zusatzeinnahmen durch diverse Autostunts bei Filmproduktionen verzeichnet. Sein wirklich gefährlicher Job ist allerdings der des Fluchtfahrers für Raubüberfälle. Bereits zu Beginn des Films macht der Fahrer deutlich: Er gibt seinen Kunden ein fünfminütiges Zeitfenster, er beteiligt sich nicht am Überfall selbst, er führt keine Waffe mit sich; er tut lediglich eine Sache: Er fährt.
Mit fast schon stoischer Gelassenheit sitzt er am Steuer und manövriert seinen Wagen durch sämtliche Widrigkeiten. Alles ändert sich jedoch, als er seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) und ihren Sohn kennenlernt. Schon bald wird die junge Mutter zu einer guten Bekanntschaft. Der Fahrer unternimmt mit ihr gemeinsame Ausflüge, ist ihr bei der Reparatur ihres Wagens behilflich und passt auf ihren Sohn auf, wenn sie mal außer Haus ist. Als Irenes Mann Standard (Oscar Isaac) aus dem Gefängnis entlassen wird und sich zu einem weiteren Überfall gezwungen sieht, um seine immensen Schulden bei zwielichtigen Gestalten, die er vor seiner Frau geheimhält, zu begleichen, erklärt sich der Fahrer bereit, zu helfen und das zu tun, was er am besten kann: Fahren. Leider verläuft nicht alles nach Plan. Das Ding geht mehr als nur schief; der Fahrer hinterlässt ungewollt ein paar Leichen und ist nun im Besitz von einer Menge Geld, die ihm nicht gehört.

Das Interessante an der Handlung ist vor allem, die Richtung, die sie einschlägt und ihre Inszenierung. Drive bietet alle Voraussetzungen für einen Thriller und kann grundsätzlich auch diesem Genre zugewiesen werden, wartet jedoch mit einem unerwartet ruhigen Erzähltempo auf, wodurch sich die Geschichte in Richtung Drama verlagert. Den Charakteren und der Entwicklung ihrer Beziehung wird mehr Platz eingeräumt, als für einen Plot mit solch einem Potential für rasante Action üblich ist. Wenn der Fahrer mit Irene und ihrem Sohn Benicio durch ein trockenes Flussbett fährt und dabei den schönen Tag genießt oder ihr bei den Einkäufen hilft, weil ihr Wagen nicht startet, dann vergisst man schon Mal, dass es sich bei Drive eigentlich um einen Film über einen Fluchtfahrer handeln soll. Genau dann allerdings ist man als Zuschauer auch der Figur am nächsten, denn diese glücklichen Momente sind es, die für den Fahrer die Leere seines sonstigen Lebens füllen und ihn seinen riskanten Alltag einfach mal vergessen lassen.
Bei all diesen ruhigen Szenen kann man Nicolas Winding Refn zwar auch vorwerfen, er nutze die Zeit nicht genügend, um seine Charaktere eingehender zu beleuchten, weil er vor allem seinen Protagonisten letztlich nicht viele Worte verlieren lässt, aber diese schüchterne, geheimnisvolle Art gehört auch irgendwie zur Natur des Fahrers. Dass sich hinter seinem Auftreten eine bisher ungeahnte Entschlossenheit verbirgt, die sich in extremen Taten äußern kann, erlebt der Zuschauer besonders in der zweiten Hälfte des Films, wenn sich die Grundstimmung ins Negative verlagert und die Zeit der Abrechnung immer näher rückt. In diesen Momenten wird auch deutlich, warum Refns Film in Deutschland keine Jugendfreigabe erhalten hat, denn die Gewaltdarstellungen sind nahezu kompromisslos – eine Vorliebe des Regisseurs, die sich durch seine gesamte Filmografie zieht.

Wenn man in Cannes den Preis für die beste Regie gewinnt, dann kommt das nicht von ungefähr. Dass Nicolas Winding Refn sein Fach versteht, hat er selbst bei den vergleichsweise rohen und niedriger budgetierten, dänischen Produktionen wie Pusher (1996) oder Bleeder (1999) bereits durchscheinen lassen. Mittlerweile ist sein Stil noch um einiges gereift. Allein die Anfangssequenz, bis erstmals der Filmtitel auf der Leinwand erscheint, erzeugt eine unheimlich dichte Atmosphäre, der man durch das geschickte Zusammenspiel von Beleuchtung, pinker Textfarbe und poppig-elektronischer Musik ein gewisses 80er-Flair nicht absprechen kann. Wie sehr die Kameraarbeit im gesamten Film mit dem Lichteinsatz und der Bildkomposition im Einklang steht, ist kaum zu beschreiben. Der Däne zeigt mit Drive zweifellos seine handwerklich bisher beste Arbeit, die sicher noch den einen oder anderen Filmstudenten in Fragen nach filmischer Ästhetik beschäftigen wird. Die – zugegeben nicht allzu zahlreichen – Actionszenen sind dynamisch inszeniert und mit überzeugender Sounddichte versehen. Was die Filmmusik angeht, so hält sie sich weitgehend dezent, aber durchaus passend. Der Hauptsong A Real Hero mag vielleicht ein wenig kitschig klingen, ist aber letzlich gar nicht so übel.

Wer von Drive nach dem Anschauen des Trailers aber einen satten Actionkracher mit unzähligen Verfolgungsjagden erwartet, liegt genauso falsch wie diejenigen, die bei Nicolas Winding Refns vorherigem Film Walhalla Rising (2009) mit Nonstop-Wikingeraction gerechnet haben. Der Regisseur bringt damit möglicherweise genau den europäischen Arthouse-Touch, den so einige amerikaniche Produzenten suchen. Vielleicht ist das auch eine weitere große Stärke des Dänen: Mit den Erwartungen des Zuschauers zu spielen und basierend auf klaren Konzeptionen überraschend andersartige Filme entstehen zu lassen. Möglicherweise ist es nun genau das, was man in Zukunft von diesem Regisseur erwarten sollte, aber das muss ja nichts schlechtes sein. Ganz im Gegenteil, Drive ist ein ausgezeicheter Film mit dem Potential, nicht wenige Filmliebhaber absolut zu begeistern.

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2 Gedanken zu “Drive

  1. Du bringst es wiedereinmal auf den Punkt :) Ausgezeichnete Besprechung eines der wohl interessantesten Filme des laufenden Kinojahres. Mir persönlich hat es neben dem Soundtrack vor allem das expressive Zusammenspiel von Kamera und Licht angetan, dass in gewisser Weise sogar zur Charakterisierung der wortkargen Hauptfigur beigetragen hat, am eindrucksvollsten wohl in der – in Kritiken häufig zitierten – eruptiven Fahrstuhlszene. Mitreißend, beklemmend und unheimlich schön auf einmal – gibt nur eine Selektion von Filmen, die dies erreichen.

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    1. Danke. :)
      Ich gebe dir Recht, die Fahrstuhlszene ist wirklich beeindruckend. Schade, dass ein Teil ihrer Spannung bereits ein wenig durch den Trailer vorweggenommen wird. Aber na gut, da trifft natürlich den Film selbst gar keine Schuld. DRIVE ist auf jeden Fall starkes Kino. Mal sehen, wie das Jahr noch so wird. Wenigstens hat es hiermit schonmal gut angefangen. :D

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