Irreversibel

 Irreversibel

Dass sich der franco-argentinische Regisseur Gaspar Noé nicht scheut, radikale Momente auf die Leinwand zu zaubern, bewies er schon früh mit seinem Debüt Menschenfeind (1998), das sich vor allem mit Faschismus und Inzest beschäftigt. Vier Jahre später spaltet Noé allerdings sein Publikum extremer denn je in Begeisterte und Angewiderte: Irreversibel zeigt ein erschütterndes Schicksal und verzichtet dabei nicht auf eine äußerst grausame Darstellung von psychischer und physischer Gewalt.

Es heißt ja immer, dass die Zeit alle Wunden heile. In Noés Film ist das Gegenteil der Fall. „Zeit zerstört alles“ ist der Leitsatz seiner Geschichte, die der Regisseur ebenso intensiv wie unkonventionell inszeniert. Fast im Stile eines Memento (Christopher Nolan, 2000) verläuft die Handlung rückwärts, indem sie mit dem Ende beginnt und ihrem chronologischen Anfang endet. Diese Struktur ist aber alles andere als reiner Selbstzweck, sondern sorgt erst dafür, dass das Geschehen mit voller Wucht in den Kopf des Zuschauers dringen und seine eindrucksvolle Wirkung entfalten kann.
Daher beginnt Irreversibel mit dem Ende einer langen Nacht in Paris: Marcus (Vincent Cassel) und sein Kumpel Pierre (Albert Dupontel) steigen immer tiefer und tiefer hinab in den finsteren Untergrund des Homosexuellen-S&M-Clubs Rectum. In dieser ausgesprochen beklemmenden Atmosphäre, in der die beiden Männer zielstrebig ins Dunkel schreiten, vorbei an zwielichtigen Gestalten, nur schwach von rotem Licht beleuchtet, weiß der Zuschauer noch nicht viel, aber eines wird deutlich. Marcus und Pierre suchen einen Typen namens „Bandwurm“, der für das büßen muss, was er Marcus‘ Freundin Alex (Monica Bellucci) angetan hat.

Wenige Minuten später zeigt sich bereits die rohe Natur des Films; wir sehen, wie jemandem das Gesicht mit einem Feuerlöscher zermatscht wird. Hieb um Hieb wird von der Kamera festgehalten und kein einziger Schnitt unterbricht den Vorgang. Die Szene ist eine der beiden, auf die Noés Drama nur allzu gern reduziert wird. Die andere ist eine minutenlange Sequenz, die zeigt, wie Alex in einem verlassenen Fußgängertunnel vergewaltigt wird. Der Zuschauer muss den ganzen Akt mitansehen. Kein Abblenden oder bloßes Andeuten erlöst ihn von der Erniedrigung und Verzweiflung in Alex‘ Gesicht oder von der lüsternen Freude im Lächeln des Vergewaltigers. Zweifellos sind diese beiden unangenehmen Momente – vor allem letzterr als Antrieb für Marcus‘ weiteres Handeln – absolute Schlüsselszenen in Irreversibel, doch wer den Film in seiner persönlichen Bewertung nur aufgrund des Grads an dargestellter Abscheulichkeit zu sinnlosem oder gar gewaltverherrlichendem Schund degradiert, übersieht Noés Geschick, das sein Werk zu genau dem Gegenteil von bloßer moralisch verwerflicher Stilübung macht, die so einige in dem Film zu erkennen glauben.

Dabei ist diese Entrüstung oder Empörung, die dem Film übrigens auch bei seiner Vorführung in Cannes entgegenschlug, genau einer der Effekte, die Gaspar Noé beabsichtigt. Sinnbildlich für den Durchschnittsmenschen, der von Vergewaltigungen höchstens in den Nachrichten hört, betritt während der quälend langen Sequenz ein Passant von der anderen Seite den Tunnel, erblickt das Geschehen, dreht sich wieder um und verschwindet. Er hat mit der ganzen Sache nichts zu tun, will nichts gesehen haben und verschwindet, als wäre nie etwas gewesen. Möglicherweise vergisst er diesen Vorfall bereits in naher Zukunft. Noé lässt dem Zuschauer hingegen keine Wahl, zwingt ihn hin- und nicht wegzuschauen. Natürlich ist das provokant und selbstverständlich fühlt man sich als Zuschauer auch seiner Kontrolle über das Gesehene beraubt, aber es braucht nicht selten einen solch radikalen Weg, um bei uns mehr als nur die Netzhaut zu reizen.

Die eingangs erwähnte umgekehrte Zeitachse der Narrationsstruktur verstärkt den emotionalen Impakt darüber hinaus umso mehr. Auch wenn die Konsequenzen allen Geschehens zuerst gezeigt werden, ist es gerade dieser Kniff, der den chronologischen Beginn in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Wenn die düstere Zukunft ihren unheilvollen Schatten über jeden noch so glückseligen Moment legt, erhält jedes fröhliche Lächeln der Protagonisten, jeder unbeschwerte Augenblick in Marcus‘ und Alex‘ Leben – speziell die finale Sequenz des Films – einen Beigeschmack, der besonders schmerzhaften Art.
Wenn es Noé darum geht, in jedem Zuschauer Abscheu und Hass wie bei Marcus aufkommen zu lassen, so ist er jedoch weit davon entfernt, Selbstjustiz zu glorifizieren oder seinen Protagonisten zum strahlenden Helden zu machen. Marcus lässt sich von seinem Zorn leiten, blendet jegliche Logik, die seiner Auffassung widerspricht, aus und verwandelt sich zu einem Menschen voller zerstörerischer Emotionen bar jeglicher Vernunft. Wie eine blutdürstige Bestie jagt er der Spur hinterher, die ihn durch halb Paris bis zum „Bandwurm“ führen soll. Auch sein Freund Pierre spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle, macht er doch ebenfalls eine interessante Entwicklung durch, der er im Gegensatz zu Marcus weit konsequentere Taten, aber auch einen folgenschweren Fehler folgen lässt.

Nicht weniger gelungen als der Inhalt ist die technische Seite des Films. Auffallend sind vor allem die überwiegend rot-orangene Beleuchtung, die für eine dichte Atmosphäre sorgt, sowie die wenigen Schnitte. Szenenübergänge gestaltet Gaspar Noé stattdessen gerne mit Kamerafahrten und -schwenks, ein Prinzip, das auch in seinem nachfolgenden Film Enter The Void (2009) noch weit intensiveren und enger mit der Handlung verknüpften Einsatz finden wird. Um das unangenehme Gefühl beim Zuschauer noch zu verstärken, ertönt ein pulsierender Soundeffekt mit extrem niedriger Frequenz während der entsprechenden Szenen, ein dröhnendes Geräusch, das man allerdings nur am Rande, fast unterbewusst wahrnimmt.
Irreversibel ist definitiv handwerklich gelungen und inhaltlich kontrovers. Es ist ein bewegendes Schicksalsdrama mit verstörenden Momenten, die ganz bewusst auf eine Form von ganz persönlichem, realem Horror setzen, um Angst und Wut zu erzeugen. Der Film handelt von der völligen Vernichtung des Glücks, von Schock und Rage, von inneren und äußeren Abgründen, sowie von der Zeit, die unaufhörlich alles zerstört.

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