Sie küssten und sie schlugen ihn

Sie küssten und sie schlugen ihn

In diesem Jahr wäre Filmkritiker, Regisseur und Mitbegründer der Nouvelle Vague François Truffaut 80 Jahre alt geworden. Das ist ein Anlass, um noch einmal einen Blick auf sein preisgekröntes Debüt Sie küssten und sie schlugen ihn zu werfen. Der Film ist der Auftakt seines Antoine-Doinel-Zyklus, einer Reihe von Filmen, die über 20 Jahre hinweg vom selben Protagonisten handelte und durchgehend mit Jean-Pierre Léaud in der Hauptrolle besetzt war.

Truffaut dokumentiert in dieser Filmreihe die Lebens- und Liebesprobleme eines Mannes, der ihm selbst in manchen Dingen gar nicht so unähnlich ist. Der erste Film, Sie küssten und sie schlugen ihn, handelt von der Kindheit des Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud), der sich nach der Aufmerksamkeit sehnt, die ihm in seinem lieblosen Zuhause nicht entgegengebracht wird. Seine Mutter Gilberte (Claire Maurier) wollte ihn ursprünglich gar nicht haben und sein Stiefvater Julien (Albert Rémy) zeigt nur zu selten so etwas wie Interesse für den Jungen. Der Schule bleibt Antoine auch oft fern. Mit seinem Freund René (Patrick Auffay) schreibt er gefälschte Entschuldigungen oder stiehlt eine Schreibmaschine. Seine Eltern wissen sich nicht anders zu helfen, schieben die Verantwortung beiseite und wollen den Jungen in eine Erziehungsanstalt stecken.

Das Jahr 1959 markiert einen Umschwung im französischen Kino, zu dem Truffaut mit seinem Film maßgeblich beitrug. Bereits zuvor prägte er in seinen kritischen Texten, in denen vor allem die damaligen bekannten Regisseure und Drehbuchautoren Frankreichs alles andere als gut wegkamen, eine Abkehr vom alten Filmverständnis und eine Besinnung auf das Autorenkino. Ein Regisseur sollte wie der Autor eines Romans seinem Werk einen individuellen Stil geben, sich als Künstler hervortun. Inhalt und Form, Motive und Inszenierung sollen eine erkennbare Handschrift aufweisen, bei der die Kamera wie eine Feder ist, mit der der Auteur sein Kunstwerk „schreibt“. Truffaut wie auch seinen Mitstreitern – unter anderem Bazin, Chabrol und Godard – in dieser aufkommenden Stilrichtung (Nouvelle Vague) lag das persönliche Verhältnis eines Filmschaffenden zu seinem Stoff am Herzen, was sich in der Umsetzung der Geschichten ausdrücken sollte.

Sie küssten und sie schlugen ihn ist einer der ersten französischen Filme dieser Bewegung und als solcher interessanterweise nicht einfach nur ein Film über einen unverstandenen Zwölfjährigen, inszeniert in einem nahezu dokumentarischen Stil, sondern transportiert auch auf der Inhaltsebene dieses neue Gefühl, das Truffaut dem Kino geben wollte. Dem jungen Antoine steht im Film ein versteiftes Erziehungssystem gegenüber, das seine Sehnsüchte einzudämmen versucht. Er symbolisiert einen Wunsch nach Freiheit und nach individueller Entfaltung, dem das Veraltete, das Traditionelle – hier: Eltern, Polizei und Pädagogen – entgegenwirken. Der Ungehorsam des Jungen und seine Vergehen sind dabei allerdings eher von geringerer Natur, denn Truffaut zeigt uns keine Bosheit, sondern eine ungemeine positive Kraft, die im Handeln des Protagonisten liegt, wenn er sich aus den Zwängen zu befreien versucht. Antoine Doinel ist hier mehr als nur ein Charakter; er ist eine Idee, die das französische Kino im Aufbruch wiederspiegelt, eine Idee von Film, der mehr sein kann als nur das bloße Abfilmen von Szenen, die im Drehbuch vorgegeben sind. Diese Geisteshaltung, die Truffaut in seinem Debüt mit einer solchen Vehemenz zum Ausdruck bringt, macht Sie küssten und sie schlugen ihn zu einem Film, der noch so viel wichtiger und kraftvoller ist als das Einzelschicksal, das er zeigt, und Jean-Pierre Léaud zum Gesicht einer ganzen künstlerischen Bewegung, deren Einfluss auf das Kino von unermesslichem Wert ist.

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3 Gedanken zu “Sie küssten und sie schlugen ihn

  1. Ich wünschte, ich wäre auch damit aufgewachsen. So aber bleibt es bei der Erstsichtung im Erwachsenenalter. Für mich ist aber auch Truffaut die überragende Figur der Nouvelle Vague. Godards „Le mépris“ kenne ich ebefalls, finde ich nicht übel, aber zu ähnlicher Thematik hatte es mir bereits „La nuit américaine“ mehr angetan und – wo ich schon mal dabei bin – auch Fellinis „8 1/2“. Der gehört zwar zum ital. Neorealismus, aber so entfernt ist das von der Nouvelle Vague ja überhaupt nicht.
    Diese Forendiskussion, die du mir verlinkt hast, scheint ganz interessant zu sein. Schaue ich mir die Tage mal an.

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    1. Der italenische Realismus ist wie diverse andere Bewegungen durchaus „verwandt“ mit der Nouvelle Vague, die sich natürlich vor allem durch ihre theoretischen Anliegen bemerkbar machte. Ich musste nach meinem „Le mépris“-Verriss auch an „La nuit américaine“ denken und die grundsätzliche Verschiedenheit der Regisseure akzeptieren (was in nächster Zeit zu ein paar sanfter gestimmten Godard-Sichtungen führen sollte). – Trotzdem: Truffaut liegt auch mir näher, und ich habe beinahe sein ganzes Werk genossen, insbesondere den Doinel-Zyklus.

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  2. Einen schöneren Film hättest du dir aus Truffauts Oeuvre zu seinem 80. nicht aussuchen können. Ich wuchs mit „Les quatre cents coups“ (Fernsehsichtung als Kind) auf, und der Regisseur liess mich nicht mehr los. Für mich überragte seine Art des Erzählens alles, was die Nouvelle Vague sonst noch zu bieten hatte.

    Wir diskutierten die Bewegung übrigens neulich ein wenig bei „filmforen.de“, nachdem ich mich alles andere als begeistert über Godards „Le mépris“ geäussert hatte. War ein interessanter Ansatz, aus dem freilich noch mehr hätte werden können.

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