Take Shelter

Take Shelter

„There’s a storm coming like nothing you’ve ever seen, and not a one of you is prepared for it.“

Wenn jemand introvertierte Personen verkörpern kann, die ein wenig neben der Gesellschaft stehen und entrückte Gedanken beherbergen, dann ist das wohl Michael Shannon. Sein Schauspiel ist subtil, authentisch und mitunter ziemlich respekteinflößend. Spielt er in Werner Herzogs My Son, My Son, What Have Ye Done (2009) noch einen verwirrten Muttermörder auf der Suche nach Gott und sich selbst, begegnet er uns nun in Take Shelter als ein von Alpträumen geplagter Familienvater, der einen Sturm mit verheerenden Folgen vorhersieht.

Eigentlich führt Curtis (Michael Shannon) mit seiner Frau Samantha (Jessica Chastain) und seiner Tochter Hannah (Tova Stewart) ein typisches kleinbürgerliches Leben in einem Städtchen in Ohio, wären da nicht diese Visionen, die ihm den Schlaf rauben und ihn eine nahende Katastrophe sehen lassen, vor der es sich zu schützen gilt. Auf seine tägliche Arbeit in der Kiesgrube kann er sich längst nicht mehr konzentrieren. Ein ungutes Gefühl beschleicht den Familienvater und veranlasst ihn dazu, einen Tornadoschutzbunker unter seinem Garten zu errichten. Das Projekt nimmt beängstigende Züge an, als Curtis massive Kredite aufnimmt, das Haus seiner Familie aufs Spiel setzt und unerlaubterweise Gerätschaften von seiner Arbeitsstelle ausleiht, um ja den Bunker rechtzeitig vor einem Sturm fertigzustellen, den irgendwie nur er zu erwarten scheint.

Jeff Nichols‘ Film ist ein zum einen ein sehr persönliches Drama, auf der anderen Seite aber auch Milieustudie amerikanischer Vorstadtgemeinschaften. Der drohende Sturm fungiert dabei als Metapher in mehrfacher Hinsicht. Dominant ist natürlich Curtis ganz eigenes Schicksal von einem Mann, der mit seinem Verhalten Familie und soziales Umfeld aus dem Blick verliert, weil ein irrationaler Antrieb einen Tornadoschutzbunker in den Mittelpunkt seines Lebens rückt. Das Ganze ist äußerst bedenklich, wenn man die emotionale und finanzielle Belastung für seine Familie berücksichtigt. Dazu kommt, dass seine Tochter taub ist und seine Frau Jessica deshalb auf seine Unterstützung angewiesen ist, um dem Kind den Rückhalt und die Aufmerksamkeit zu geben, die es benötigt. Curtis‘ Unsicherheit lässt ihn außerdem seine eigene Psyche ihn Frage stellen. Seine Mutter war damals an paranoider Schizophrenie erkrankt. Ob die Visionen ihres Sohnes nun wirklich prophetische Fähigkeiten oder doch eher Symptome einer psychischen Störung sind, ist die Frage. Der Regisseur lässt über den gesamten Handlungsverlauf stets mehrere Interpretationen seiner Geschichte zu.

Betrachtet man Curtis‘ Träume, wird allerdings auch klar, dass die Motivation seines für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Handelns Verlustängste sind. Ängste, die vor allem den amerikanischen Mittelstand beschäftigen: Der Verlust der Familie und finanzielle Probleme. Die soziologische Komponente der Sturmmetapher liegt in gesellschaftlichen Katastrophen wie der Wirtschaftskrise begründet und die Ignoranz von Curtis‘ Mitbürgern spiegelt nur allzu gut die weit verbreitete Auffassung derer wieder, die vor politischen und ökonomischen Umwälzungen die Augen verschließen. Insofern wird der Sturm zu einer Gefahr, die alle betrifft, doch mit der auf verschiedenste Weise umgegangen wird. In diesem gesellschaftspolitischen Kontext, lässt sich für dessen spezifische Bedeutung sicherlich so einiges einsetzen, doch über die Grundhaltung lässt der Regisseur keinen Zweifel aufkommen. Dass diese Lesart nicht im Konflikt mit den anderen – psychische Erkrankung / physische Bedrohung – steht, zeigt auf, wie vielschichtig Nichols Film hinter der scheinbar simplen Handlung tatsächlich ist.

Die Bilder des Films sind zurückhaltend, aber präzise. In den Traumsequenzen weht ein Hauch von Horror, während über dem restlichen Geschehen stets ein unbehaglich mysteriöses Gefühl liegt. Ästhetisch präsentiert sich das Ganze sehr stimmungsvoll, ohne an Authentizität zu verlieren. Dazu trägt natürlich auch mal wieder das gekonnte Schauspiel Michael Shannons bei, der einmal mehr als eigenwilliger Charakter zu überzeugen weiß. Jessica Chastain in ihrer Rolle als besorgte Ehefrau, die das Handeln ihres Mannes zu verstehen sucht, soll an dieser Stelle ebenfalls lobend erwähnt werden.

Take Shelter ist nicht einfach nur ein spannendes, wenngleich sehr langsames Drama, sondern funktioniert darüber hinaus auch noch auf mehreren Bedeutungsebenen, die zum wiederholten Ansehen einladen. Jeff Nichols vollbrachte damit zweifellos einen der stärksten Filme des vergangenen Jahres, der den zahlreichen positiven Kritiken ohne Frage gerecht wird.

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2 Gedanken zu “Take Shelter

  1. Da stimme ich dir zu. Absolut grandioser Film… bin schon gespannt auf seinen nächsten Film. Vor allem, da er auf so vielen Ebenen funktioniert, alleine das Ende, absolut grandios. :)

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    1. Von seinem nächsten Film, „Mud“, habe ich auch schon einen Trailer gesehen. Sieht ganz interessant aus. Mit „Take Shelter“ hat Jeff Nichols jedenfalls bewiesen, dass er zu den talentierten jungen Regisseuren gehört, die man sich merken sollte.

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