Die Frau, die singt

Die Frau die singt

Die kanadische Filmlandschaft steht traditionell immer ein wenig im Schatten Hollywoods, doch Regisseure wie Denis Villeneuve müssen sich mittlerweile vor niemandem mehr verstecken. Mit seinem jüngsten Film Die Frau, die singt gewann er bereits zum dritten Mal die Auszeichnung für den besten Film beim kanadischen Filmpreis Genie Award, dieses Mal wurden ihm allerdings auch noch Preise in sieben weiteren Kategorien verliehen. Darüber hinaus war sein Film oscarnominiert in der Kategorie für den besten ausländischen Film. Spätestens seit dem vergangenen Jahr also ist Villeneuve eine der Speerspitzen des kanadischen Films. Mit seiner bildgewaltigen Theateradaption hat er sich diesen Erfolg aber auch redlich verdient.

Incendies basiert auf dem gleichnamigen Stück von Wajdi Mouawad und ist die Suche zweier Geschwister nach einem nie gekannten Vater und einem mysteriösen Bruder, die sie immer tiefer in die bewegte Vergangenheit ihrer Mutter und in den mittleren Osten der Gegenwart führt.
Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon Marwan (Maxim Gaudette) bekommen vom Notar Jean Lebel (Rémy Girard) den letzten Willen ihrer kürzlich verstorbenen Mutter Nawal (Lubna Azabal) sowie zwei Briefe ausgehändigt. Einer davon soll dem Vater überreicht werden, den die beiden jedoch nie kennengelernt hatten und der andere einem weiteren Bruder, von dessen Existenz bisher niemand wusste. So machen sich Jeanne und Simon auf in die arabische Heimat ihrer Mutter, die sie vor vielen Jahren in Richtung Kanada verlassen hatte. Die Handlung springt dabei von der Suche in der Gegenwart immer wieder in längeren Flashbacks in das vergangene Leben Nawals, in ein zerrissenes Land im Bürgerkrieg zwischen muslimischen Fanatisten und einer christlichen Minderheit.

Obwohl das Land im mittleren Osten namenlos bleibt und die Städtenamen der Fantasie entsprungen sind, tut das der Authentizität von Villeneuves Inszenierung keinen Abbruch. Die Angst, der Hass und die Gewalt schwingen in nahezu jeder Szene mit, die Nawals Kampf ums Überleben und die Suche nach einem Sohn, von dem sie früh getrennt wurde, zeigt. Dass die Geschehnisse an den libanesischen Bürgerkrieg in den 70er Jahren erinnern, ist kein Zufall. Forciert und zu einem tragischen Höhepunkt gebracht wird diese Parallele in einer Sequenz, die das grausame Abschlachten unschuldiger Insassen eines Busses – darunter Frauen und Kinder – zeigt und damit unzweifelhaft eine Reminiszenz an das sogenannte Bus-Massaker, das seinerzeit den Krieg auslöste.

Während es an den gesellschaftlich-politischen Konflikten und ihrer Nachvollziehbarkeit nichts auszusetzen gibt, wirkt das Familienschicksal um Nawal in der Vergangenheit und ihren Kindern in der Gegenwart mitunter konstruiert. Zwar ist es spannend und interessant, als Zuschauer nach und nach mehr über die Protagonistin herauszufinden, und die finalen Enthüllungen der Handlung sind wuchtig, aber eben auch von einer gewissen Zufälligkeit bedingt, die nicht jeden zufriedenstellen wird. Ohne Frage, die Geschichte Nawals ist packend bis zum Schluss, aber die Stärken des Films liegen noch mehr in den Bildern, die ein zerrüttetes Land, einen brutalen Glaubenskrieg und die schwindende Hoffnung auf Frieden und Freiheit in das Gedächtnis des Zuschauers brennen ohne sich unkritisch auf eine Seite zu schlagen oder gar den moralischen Zeigefinger zu heben.

Auch wenn ein großer Teil des Films in einer Zeit spielt, die mehr als 30 Jahre zurückliegt, haben die dargestellten Geschehnisse kaum an Aktualität verloren. Mit der bewussten Anonymität des Handlungsortes erscheint Die Frau, die singt wie ein Dokument, das Vergangenheit und Gegenwart, Bedingungen und Möglichkeiten eines Landes aufarbeitet, das letztendlich nur als Beispiel für die große Region steht, die wir als mittleren Osten bezeichnen ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben. Villeneuve bringt uns mit seinem Drama in nächste Nähe und auf eine zutiefst menschliche Ebene, um uns vor Augen zu führen, was die bloßen Statistiken von Opferzahlen in den Nachrichten eigentlich bedeuten und welche Tragweite sie haben können.

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2 Gedanken zu “Die Frau, die singt

  1. Achje. Ich schrieb es schon an anderer Stelle: Alleine mit dem Trailer hast du mich rumgekriegt.
    Vielleicht ist das endlich der Villeneuve, wie ich ihn mir wünsche: Mehr auf Inhalt denn auf alles andere gebürstet und schlussendlich ein Film, bei dem mir nicht alles egal ist.

    Gefällt 1 Person

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