Bibliothèque Pascal

Bibliothèque Pascal

Szabolcs Hajdu liebt Filme. Und er liebt ganz offenbar seine Frau, denn schließich darf sie in all seinen Filmen die Hauptrolle einnehmen. Auch in seinem neusten Werk, dem skurrilen Bibliothèque Pascal, ist sie das Zentrum allen Handelns. Das Drama folgt einer jungen, abgedrehten Strömung des ungarischen Kinos, die finstere Geschichten in grellbunten Farben erzählt und einen kuriosen Charakter nach dem nächsten auftreten lässt. Nicht selten geht es dabei eklig, pervers oder unmoralisch zu. Auch György Pálfis Taxidermia (2006) lässt sich beispielweise dieser Art von Filmen zuordnen. Aus ästhetischer Sicht erscheinen diese Werke fast wie eine Antithese zum ruhigen, farbarmen Stil eines Béla Tarr, der bis heute eine unbestreitbar prägende Rolle im ungarischen Film einnimmt.

Um das Sorgerecht für ihre Tochter wiederzuerlangen, muss Mona (Orsolya Török-Illyés) beim Jugendamt vorsprechen und schildern, wie es dazu kam, dass sie das Kind ihrer verwantwortungslosen Tante (Oana Pellea) überließ. Die Geschichte, die der Sachbearbeiter dann zu hören bekommt, zeigt sich dem Zuschauer in einem einzigen langen Flashback und handelt von Monas abenteuerlichem Weg, der sie von einem Mann zum nächsten und von Rumänien bis nach England führt.
An einem Strand lernt Mona den kriminellen Viorel (Andi Vasluiano) kennen. Nach einer gemeinsamen Nacht hält der nächste Morgen einige Überraschungen für die beiden parat: Mona ist schwanger und Viorel wird von der Polizei erschossen. Fortan schlägt sich Mona die folgenden Jahre mehr schlecht als recht mit ihrer Tochter Viorica (Lujza Hajdu) durchs Leben. Eines Tages trifft sie ihren Vater und begleitet ihn wegen seiner schweren Krankheit nach Deutschland. Viorica übergibt sie in die Obhut der naiven Tante. Unterwegs wird Mona allerdings an Menschenhändler verkauft und nach Liverpool verschleppt, wo sie in die Fänge des exzentrischen Künstlers und Bordellbesitzers Pascal (Shamgar Amram) gerät, der seinen Kunden sexuelle Befriedigung mit Charakteren der Weltgeschichte anbietet.

Bibliothèque Pascal ist ein Film, auf den sich gewiss nicht jeder einlässt. Hajdus Stil ist eigenwillig und äußerst farbenfroh. Das kleine Budget macht er mit der Skurrilität seiner Figuren und im Schlussdrittel mit der ausgefallenen Inneneinrichtung problemlos wett. Doch sein Drehbuch kommt nicht um die Tatsache herum, dass es, nachdem Mona Rumänien verlässt, anfängt zu schwächeln. Ist das Absurde, das Merkwürdige zuvor noch auf verschiedene Charaktere und Orte verteilt – wie auf einem verrückten Jahrmarkt mit faszinierenden Attraktionen – so stützt sich das Gesehene später zu sehr auf das Bordell und Monas tristes, menschenunwürdiges Dasein als Prostituierte, die ihre Freier mit Zitaten der Weltliteratur begrüßt. Dass sich der Fokus in Inhalt und Form leicht verschiebt, ist zweifellos Hajdus Absicht und ihm Ideenlosigkeit zu unterstellen, erscheint nicht wirklich angebracht, dennoch fehlt den letzten zwanzig Minuten des Films die Energie, die ihn noch zu Beginn auszeichnete und so interessant machte.

Aber auch wenn Bibliothèque Pascal auf den letzten Metern ein wenig die Luft ausgeht, ist Hajdus Film für Freunde des Andersartigen durchaus empfehlenswert. An der audiovisuellen Umsetzung seiner Ideen gibt es nichts zu bemängeln. Obwohl Monas Reise durch Europa ein gutes Stück von einem filmischen Meisterwerk entfernt ist, macht es doch Spaß, sie auf ihrem surrealen Weg zu begleiten.

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