The Tree of Life

The Tree of Life

Mit der erst fünften Regiearbeit seiner nunmehr fast vierzigjährigen Karriere als Filmschaffender, geht Terrence Malick in die Vollen und legt mit The Tree of Life ein epochales Werk hin, das mit bildgewaltigen Aufnahmen, aber auch mit einer gewissen Sperrigkeit aufwartet, aufgrund der ungewohnten Erzählweise, die in ihrer elliptischen Form mehr an eine assoziative Collage als an eine stringente Handlung erinnert.

Erinnerung ist ein gutes Stichwort, denn die Geschichte, die uns Malick in nicht immer mundgerechten Brocken serviert, ist zu einem großen Teil die Kindheit des Architekten Jack O’Brien (Sean Penn), so wie sie ihm im Gedächtnis geblieben ist. Als Junge (Hunter McCracken) lebt er mit seinen Eltern (Brad Pitt & Jessica Chastain) und seinen zwei Brüdern (Laramie Eppler & Tye Sheridan) in einer typisch amerikanischen 50er-Jahre-Vorstadtsiedlung. Jack bewegt sich in dieser prägenden Frühphase seines Lebens zwischen zwei Polen: Seine Mutter lehrt ihn durch ihren liebevollen Umgang Mitgefühl und Empathie, während ihm sein Vater den Überlebenskampf in einer rücksichtslosen Welt einbläut, in der sich jeder selbst der nächste ist. Doch die unnachgiebige Natur von Mr. O’Brien sorgt bei Jack für Frust und Hass.

Eingewoben in die ganz persönliche Entwicklung des Jungen ist nichts geringeres als die Entstehung des Lebens, die Malick in berauschenden Bildern zeigt. Die Dramahandlung wird nach fast einer halben Stunde verlassen und weicht zunächst einem Einschub von sehenswerten Sequenzen, die sich dem Urknall, dem Universum und natürlich unserem Planeten Erde widmen. Wir reisen in eine Zeit vor unserer Existenz und erleben das Zusammenspiel von Licht und Schatten, von Feuer und Wasser; wir sehen Himmelskörper sich bewegen und die ersten Kreaturen unsere Welt bevölkern. Die Montage beeindruckender Aufnahmen ist mit mächtiger, sakraler Musik und geflüsterten Bibelzitaten unterlegt, die die fraglos von einer wissenschaftlichen Sichtweise ausgehende Bildebene um religiöse Eindrücke erweitern.

Sobald sich der Regisseur wieder der Familie O’Brien zuwendet, trägt der Zuschauer diese Assoziationen mit sich und überträgt das Essentielle und Bedeutsame vom Allgemeinen ins Spezifische, nämlich von der Gesamtheit aller Existenz bis in das einzelne Leben Jacks, der mit entscheidenden Grundsätzen zu kämpfen hat. Auch in diesen Szenen steckt – viel subtiler – eine allgegenwärtige Schönheit der Existenz. Malick verleugnet Leid und Tod zwar nicht, konfrontiert seinen Protagonisten schließlich auch damit, aber dennoch wohnt seinem Film ein alles durchdringendes, lebensbejahendes Gefühl inne, das sich in vielen kleinen Details äußert.

Sich The Tree of Life auf vordergründig rationaler Ebene zu nähern, ist nicht nur schwierig, sondern letztlich gar nicht angebracht. Malicks assoziativer Bilderrausch fördert und fordert eine andere Herangehensweise, die unserem Innersten entspringt. Über seine vermittelten Emotionen wird das Filmerlebnis für den Zuschauer zu einer stark subjektiven Angelegenheit. Wie viel und welche Bedeutung er jeweils daraus zieht, ist ihm überlassen. Ob sich das Gesehene vollständig in Gedanken und Worten festhalten lässt, ist fraglich. Wer hier einen klassischen Plot sucht, wird ihn ebenso wenig finden wie eine Möglichkeit, den Film über gewohnte Muster greifbar zu machen. Das würde seiner Komplexität ohnehin nicht gerecht werden.

Lässt man sich also auf ein wundersames Drama über das Leben und den Menschen ein, das sich bewusst den Sehgewohnheiten verweigert, bekommt man große Filmkunst geboten. Für alle anderen präsentiert der Ausnahmeregisseur über eine Laufzeit von stattlichen 139 Minuten vorwiegend Langeweile in schönen Bildern.

Advertisements

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s