Life of Pi

Life of Pi

Wenn es eine Sache gibt, die Ang Lee und seine Filme auszeichnet, dann ist das die enorme thematische Vielfältigkeit. Schier mühelos wechselt der taiwanische Regisseur zwischen Genres und Kulturen hin und her. Ob nun Tiger & Dragon (2000), ein chinesischer Wuxia-Film, oder Brokeback Mountain (2005), ein US-Drama über homosexuelle Cowboys, Lee fühlt sich in den unterschiedlichsten Geschichten wie zuhause. Sein neuester Streich ist Life of Pi, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellerromans von Yann Martel, der von einem indischen Jungen und einem bengalischen Tiger handelt, die nach einem Schiffbruch in einem Rettungsboot über das Meer treiben.

Wie überlebt man 227 Tage auf hoher See, wenn der einzige Begleiter eine hungrige Raubkatze ist? Piscine Molitor Patel (als Jugendlicher: Suraj Sharma; als Erwachsener: Irrfan Khan), genannt Pi, teilt sein unglaubliches Abenteuer mit einem Schriftsteller (Rafe Spall), der seinen Glauben verloren hat.
Politische Unruhen zwingen den jungen Pi, Sohn eines Zoodirektors, und seine Familie, Indien zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Mit an Bord des Ozeandampfers, auf dem sie ihre Reise antreten, sind auch sämtliche Tiere des Zoos. Als das Schiff in einem gewaltigen Sturm kentert, ist Pi der einzige menschliche Überlebende und teilt sein Rettungsboot fortan lediglich mit einem bengalischen Tiger namens Richard Parker.

Pis Prioritäten ändern sich selbstredend schlagartig und fordern seinen Mut, seinen Einfallsreichtum und seinen Glauben. Ein behelfsmäßiges Mini-Floß soll den Jungen Tag und Nacht vor seinem gefräßigen Begleiter schützen, gleichzeitig muss Richard Parker ebenso mit ausreichend Nahrung versorgt werden, damit er sich nicht gegen Pi wendet. Was ohnehin schon als eine außergewöhnliche Grundlage für eine Geschichte betrachtet werden kann, nimmt einen noch unglaublicheren Verlauf in Richtung Fantastik, wenn Mensch und Tiger einige surreale Erfahrungen machen; seien es nun tausende von Leuchtquallen, ein Schwarm fliegender Fische oder ein von zahlreichen Erdmännchen beheimatetes Eiland. In diesen Szenen spielt der Film dann seine Stärken voll aus, denn die audiovisuelle Kraft von Life of Pi ist enorm. Die Spezialeffekte können auf ganzer Linie überzeugen, sind dabei jedoch nie bloßer Selbstzweck, denn eine unglaubliche Geschichte verlangt natürlich auch nach unglaublichen Bildern. Das Glanzstück der zauberhaften Inszenierung ist allerdings der Tiger Richard Parker, am Computer erstellt und doch so unheimlich lebensecht. Durch seine Mimik und Gestik wird der Tiger zu einer authentischen Figur, die Angst einflößt, zum Lachen bringt oder zu Tränen rührt. Glücklicherweise lässt Lee dem Kitsch keine Chance: Richard Parker wird zu keinem Zeitpunkt vermenschlicht, in jedem Augenblick spürt man das Raubtier in ihm.

Von Pis Kindheit, die einen Jungen hin- und hergerissen zwischen Hinduismus, Islam und Christentum zeigt, bis hin zum Fazit, mit dem der gealterte Pi seine Erzählung vom Dasein als Schiffbrüchiger abschließt: Life of Pi beschäftigt sich zwar mit einer allgegenwärtigen Glaubensthematik, dies jedoch auf erfrischend unverkrampfte Art ohne Belehrungs- oder Missionierungsdrang. Die religiöse Komponente gibt keinen „richtigen“ Weg vor, sondern verweist auf ganz verschiedene Möglichkeiten. Ein derart freiheitlicher Ansatz wird somit eher zu einem philosophischen Konzept, das niemanden abschrecken sollte, diese unvergessliche, märchenhafte Erfahrung zu machen, ein – völlig zurecht – oscarnominiertes Filmabenteuer zu bestaunen.

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