Mittwoch zwischen 5 und 7

Mittwoch zwischen 5 und 7

Die 60er Jahre in Frankreich: Das bedeutet natürlich eine neue Art von Kino. Die Autorenfilmer der Nouvelle Vague wie Truffaut, Chabrol und Godard legten bedeutende Grundsteine für die Wahrnehmung des Mediums und verewigten sich auf diese Weise als Schlüsselfiguren der französischen – und auch der weltweiten – Filmgeschichte. Parallel dazu gab es eine weitere künstlerische Bewegung, die man als Rive Gauche (dt.: „Linkes Ufer“) bezeichnet, eine Gruppe von Filmemachern, die nicht aus der Filmkritik hervorging, sondern stattdessen im Kern stark literarisch geprägt und im Ansatz deutlich politischer engagiert war. Regisseure wie Demy, Malle und Resnais gehörten diesem losen Verbund an, aber auch eine beispiellose Filmemacherin namens Agnès Varda, filmhistorisch zwar alles andere als irrelevant, doch bezüglich ihrer Bekanntheit zu Unrecht oft nur im Schatten der Großen.

Eines der Werke, in dem Varda beweist, wie mühelos sie Gesellschaftskommentar und Einzelschicksal zu einem starken Ganzen verknüpfen kann, ist Mittwoch zwischen 5 und 7. Der Film handelt von der jungen, attraktiven Pop-Sängerin Florence, genannt Cléo und ihrem bangen Warten auf eine medizinische Diagnose, die möglicherweise nichts Gutes verheißt. Abergläubisch wie sie ist, lässt sie sich die Karten legen. Nun bestehen für sie noch vor dem Anruf ihres Arztes kaum noch Zweifel mehr: Es ist Krebs, der ihrem Leben bald ein Ende bereiten wird. Mit dem Schlimmsten rechnend, verbringt Cléo ihren späten Nachmittag in der Stadt, um die Zeit zu überbrücken bis sie endlich Gewissheit über ihre Krankheit hat.

Als erstes fallen die Formalia der Erzählung auf. Mittwoch zwischen 5 und 7 spielt sich, wie der Titel bereits vermuten lässt, tatsächlich in einem Zeitraum von etwa zwei Stunden ab, genauer von 17:00 Uhr bis 18:30 Uhr. Der Zuschauer erlebt die Handlung in Echtzeit ohne Auslassungen und bekommt so eine etwas untypische Zeitwahrnehmung geboten. Dies wird durch die Einteilung in Kapitel, die mit minutengenauen Zeitangaben versehen sind, noch verstärkt. Die Kamera folgt Cléo ohne Unterbrechung von einem Ort zum nächsten.

Vor allem im ersten Drittel des Films bemerkt man dabei, wie Varda mit Aufnahmen experimentiert, die Spiegeln und ihren Reflektionen eine besondere Bedeutung zukommen. Metaphorisch verstanden, sind wir damit beim Inhalt angelangt, der Cléos frühend Abend in Paris zu einem Selbstfindungsprozess werden lässt, welcher ihre Sicht auf die Dinge grundlegend verändert. Die Regisseurin hält ihrer Protagonistin als Produkt einer oberflächlichen, konsumorientierten Gesellschaft den Spiegel vor. Cléo ist verwöhnt, egozentrisch und politisch vollkommen desinteressiert, wie in einer Szene während einer Taxifahrt deutlich wird. Erst im Angesicht ihres Todes verändert sich ihre Wahrnehmung und sie beginnt zu reflektieren.
Auch die Handlungsorte spielen bei Vardas kritisiertem Gesellschaftsbild und dem erstrebenswerten Gegensatz eine nicht zu unterschätzende Rolle, wenn sie das Geschehen gegen Ende weg von den geschäftigen Straßen in die Natur eines Parks verlagert und Cléo in dieser ruhigen Umgebung  zu ihren wichtigsten Erkenntnissen gelangen lässt.

Obwohl die Prämisse des Films auf eine depressive Grundstimmung schließen lässt, inszeniert Agnès Varda die eineinhalb Stunden in Cléos Leben recht gelassen und lässt auch das ein oder andere humorvolle Element zu. Von einem bedrückenden Drama kann man also eigentlich nicht sprechen, vielmehr ist Mittwoch zwischen 5 und 7 eine faszinierende, kleine Studie über den Menschen und die Möglichkeit, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

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