Valerie – Eine Woche voller Wunder

Valerie - Eine Woche voller Wunder

Gestohlene Ohrringe, fantastische Träume, Vampire und Hexen? Jaromil Jireš bewegt sich mit Valerie – Eine Woche voller Wunder auf fast schon klassischem Märchenterrain, wäre sein Film nicht auch zugleich die Geschichte eines jungen Mädchens und seiner aufkeimenden Sexualität. Die Handlung basiert auf einem 1935 veröffentlichten Text des Surrealisten und Schriftstellers Vítězslav Nezval und entspricht mit ihrer eskapistischen Darstellung eines sensiblen Themas auch so viele Jahre später genau dem (Künstler-)Zeitgeist des damaligen Tschechiens, das in den 70er Jahren unter den Auswirkungen des „Prager Frühlings“ litt.

Die dreizehnjährige Valerie (Jaroslava Schallerová) ist ein Mädchen voller Unschuld und Reinheit. Als ihre magischen Ohrringe gestohlen werden und ein Gauklerzug in die Stadt kommt, beginnt für sie der Weg in eine ungewisse Erwachsenenwelt. Die Menstruation leitet alles ein; die ersten Blutstropfen beflecken ihre weiße Stube und die Gesetze der Wirklichkeit beginnen zu verschwimmen. In dieser traumartigen Parallelwelt gibt es einen mysteriösen in schwarz gewandeten Mann, der sich hinter einer Wieselmaske versteckt. Es is der dubiose Tchor (Jirí Prýmek), der sich als Polizist ausgibt, ein anderes Mal in der Rolle des Bischofs auftritt, aber auch seine zweifellos vampirische Natur nicht verbirgt. Eine Sache ist jedoch klar: Er versucht, die Kontrolle über Valerie zu erlangen.

Das junge Mädchen sieht sich allerdings nicht nur mit dieser dämonischen Gestalt und ihren Lakaien konfrontiert, sondern eben auch vor allem mit der erwachenden Weiblichkeit ihrer selbst. Das Bild der reinen Unberührtheit weicht einer Erforschung der Körperlichkeit, die Jireš liebevoll und mutig zugleich inszeniert, indem er seine Protagonistin, von einer sanften Neugier getrieben, auch in seinerzeit nonkonforme Bereiche der Sexualität wie die gleichgeschlechtliche Liebe vorstoßen lässt. Die Darstellungen verzichten nicht auf gelegentliche Nacktheit und das mag speziell in Bezug auf die Hauptdarstellerin Schallerová, die damals erst 14 Jahre alt war, einige Bedenken hervorrufen, allerdings geht Jireš nicht eine Sekunde exploitativ oder geschmacklos zu Werke. Im Gegenteil, er nähert sich der Thematik mit Bedacht.

Eine Herausforderung ist sicherlich die assoziative Herangehensweise. Valeries Träume sind in Ausstattung und Kostümen wunderschön anzusehen, aber in ihrer Struktur sehr offen und auf das Unbewusste ausgelegt. Jireš praktiziert eine surreale Ästhestik mit einer heute vielleicht irritierenden Selbstverständlichkeit, wenn verstorbene Charaktere wieder auftauchen, mitunter sogar in veränderten Rollen. Erklärungen gibt es keine; rationale Regeln lassen sich auf den Film nur selten anwenden. Figuren und Szenen lösen sich in Metaphern oder auch in nichts auf. Das ist eine filmische Traumdarstellung von solch unwirklicher Direktheit, wie es sie heute leider nur noch selten gibt.

Jireš‘ bizarre Mischung aus Coming-of-Age-Drama, Horror und Märchenfilm mag damit zwar für heutige Sehgewohnheiten befremdlich wirken, ist aber eine zauberhafte kleine Perle über das Erwachsenwerden zwischen Freud’scher Fantasie und Schauergeschichte.

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