Killer Joe

Killer Joe

Nach fünfjähriger Drehpause meldete sich William Friedkin 2011 mit einem neuen Langfilm zurück. Bekannt wurde er als prägender Regisseur der New-Hollywood-Ära mit Brennpunkt Brooklyn (1971) und Der Exorzist (1973). Sein jüngstes Werk brachte ihm bei den Filmfestspielen in Venedig eine Nominierung für den goldenen Löwen ein, ist die Adaption eines Theaterstücks von Tracy Letts und nennt sich schlicht Killer Joe.

Chris (Emile Hirsch) steht das Wasser bis zum Hals: Sein Stoff ist abhanden gekommen und nun schuldet er einem Drogenbaron eine ganze Menge Geld. Die Zeit rennt ihm davon, als ihm die Idee kommt, einen Auftragsmörder auf seine Mutter anzusetzen. Seines Wissens nach ist ihre 50.000 Dollar schwere Lebensversicherung auf seine geistig beeinträchtigte Schwester Dottie (Juno Temple) ausgestellt, die gemeinsam mit ihm, ihrem Vater Ansel (Thomas Haden Church) und dessen zweiter Frau Sharla (Gina Gershon) in einem Trailerpark lebt. Zu diesem Zweck kontaktiert Chris den charismatischen Cop Joe (Matthew McConaughey), der sich nebenberuflich als Killer ein wenig hinzuverdient. Da die Familie nicht in der Lage ist, Joes Honorar im Voraus zu bezahlen, lässt er sich auf einen Kompromiss ein und akzeptiert die junge Dottie als Vorschuss. Doch als die Sache nicht ganz so läuft, wie sich alle Beteiligten vorstellen, zeigt sich auch, dass mit dem freundlichen Auftragskiller nicht zu spaßen ist.

Killer Joe basiert auf einem Bühnenstück und beschränkt sich als solches auf eine handvoll Figuren und wenige Locations. Friedkin verfilmt praktisch einen Neo-Noir auf engstem Raum, denn seine Charaktere verwehren sich jeder Einteilung in ‚gut‘ und ‚böse‘. Stattdessen sind alle Interaktionen und deren Motivationen miteinander verwoben; ein Geflecht verzweifelter Taten und zwielichtiger Naturen. Lediglich die von Juno Temple überzeugend verkörperte Dottie bewegt sich in einem naiven Taumel durch ihr opportunistisches Umfeld. Chris stürzt immer tiefer in einen Strudel der Aussichtslosigkeit, Ansel ist ein Feigling und Sharla ein selbstsüchtiges Biest.

Zwar ist Friedkins Darstellung dieser Familie aus der amerikanischen Unterschicht nicht völlig frei von Klischees, aber Killer Joe eben auch keine Sozialstudie. Dafür sorgt allein schon der Auftritt der titelgebenden Figur, die zwischen all den Emotionen und der negativen Energie, die vom restlichen Cast ausgeht, fast schon auf irrsinnige Weise am vernünftigsten erscheint, obwohl er derjenige ist, der gegen Bezahlung Menschen tötet. Seine charmante, sachliche Art steht damit natürlich in einem Kontrast zu seinem Beruf, was filmgeschichtlich betrachtet nun nichts neues wäre, doch tatsächlich ist Joe als Charakter weit komplexer und ambivalenter angelegt als es der erste Eindruck vermuten ließe. Die Faszination, die er auf die Familie und auf den Zuschauer ausübt, ist natürlich dem überragenden Schauspiel Matthew McConaugheys zu verdanken, der hier zweifellos eine seiner besten Leistungen zeigt.

Mit seiner Handlung, die Prinzipien folgt, bei denen alles irgendwie anders – sprich: schlimmer – läuft, als geplant und jeder einzelne nach dem für ihn bestmöglichen Ausweg sucht, steht Killer Joe ein wenig in der Tradition von Filmen wie Fargo (Joel & Ethan Coen, 1996) und Snatch (Guy Ritchie, 2000). Die Schwarzhumorigkeit kommt auch bei Friedkin nicht zu kurz und doch geht er noch einen drastischeren Schritt weiter ins Abscheuliche und Absurde, wenn es im Schlussdrittel zum bitterbösen Finale kommt, das definitiv nicht jedem schmecken wird. Wer sich nun auf Killer Joe einlässt, sieht ein groteskes Kammerspiel, das in eine abstoßende und doch genau richtige Eskalation mündet, bei der jeder Charakter das bekommt, was er verdient. Gleichzeitiger Verzehr von Chicken Wings auf eigene Gefahr!

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