Stoker

Stoker

Park Chan-wook ist längst nicht mehr bloß ein Geheimtipp unter Cineasten, sondern gehört zu Südkoreas Regie-Elite, die maßgeblich dazu beitrug, dass ihr Heimatland in der letzten Dekade zu einer der weltweit wichtigsten Filmnationen heranwuchs. Inzwischen ist das zeitgenössische koreanische Kino eines der angesehensten der Welt und für viele war es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Regisseure sich an Hollywoodprojekten versuchen würden. Kim Jee-woon probierte es dieses Jahr mit dem seichten Actioner The Last Stand, der finanziell hinter den Erwartungen zurückblieb. Park feiert seinen Einstand mit Stoker, einem verstörenden Thriller über die dunklen Geheimnisse einer Familie.

Ihren 18. Geburtstag hat sich India Stoker (Mia Wasikowska) sicher ganz anders vorgestellt. Erst kommt ihr Vater Richard (Dermot Mulroney) bei einem tragischen Autounfall ums Leben und dann taucht auch noch ihr charismatischer Onkel Charlie (Matthew Goode) auf, von dessen Existenz sie bisher nie etwas gewusst hat. Eigentlich stets unterwegs, die Welt bereisend, beschließt Charlie nun aber, eine Weile gemeinsam mit India und ihrer verwitweten Mutter Evelyn (Nicole Kidman) auf dem abgelegenen Anwesen zu leben. Während Evelyn ihre Trauerphase ungewöhnlich schnell überwindet und Charlie sofort als neuen Mann im Haus, als möglichen Ersatz Richards, akzeptiert, bringt India ihre Antipathie deutlich zum Ausdruck. Sie spürt, dass sich hinter dem charmanten Lächeln ihres mysteriösen Onkels eine finstere Natur verbirgt. Doch Charlie ist nicht er einzige, mit dem irgendetwas nicht stimmt…

Park macht keinen Hehl daraus: Das Drehbuch von Wentworth Miller ist nicht auf eine ‚Whodunnit‘-Geschichte ausgelegt, die den Zuschauer zum Detektiv macht und nach dem Täter fahnden lässt. Im Gegenteil, dass Charlie Stoker sich die Hände schmutzig macht, um unliebsame Störfaktoren aus dem Weg zu räumen, wird schnell klar. Indias abweisende Art und ihr früher Verdacht sind gut nachvollziehbar. Richards Unfall, Charlies plötzlicher Einzug in das Stoker-Anwesen, das Verschwinden der Haushälterin, vieles deutet recht schnell daraufhin, dass Charlie einen bestimmten Plan verfolgt. Diese Grundprämisse erinnert außerdem nicht zufällig an Alfred Hitchcocks Im Schatten des Zweifels (1943) und bleibt auch nicht die einzige Hommage an den Master of Suspense. Parks Thriller dreht sich primär um ein Figurentrio auf engstem Raum, ein Psychospiel, das mal in die eine, mal in die andere Richtung kippt. Die eigenartigen Beziehungen der Charaktere und verschwimmende Machtverhältnisse bestimmten den Plot, der im Vergleich zu den vorherigen Werken des Koreaners insgesamt vielleicht etwas konventioneller ausfällt und eben mehr an klassische Hollywoodthriller erinnert.

Wer aber Angst hat, die Hitchcock-Huldigung verkomme zur uninspirierten Kopie, zum Quasi-Remake und -Remix bekannter Versatzstücke, sei unbesorgt: Park Chan-wook arbeitete erneut mit seinem langjährigen Kameramann Chung Chung-hoon zusammen, der einmal mehr bezaubernde Bilder aufgenommen hat, die keinen Zweifel daran lassen, dass der Regisseur seinen stark ästhetisierten Stil auch in Hollywood beibehält. Kamera und Schnitt sind von gewohnt herausragender Qualität und sorgen für einige unheimlich kreative Sequenzübergänge, die man so noch nicht gesehen hat. Vom Set- und Kostümdesign bis hin zum Sound hat Park wieder einmal sämtliche Aspekte seines Films präzise aufeinander abgestimmt, um seine künstlerische Vision zu verwirklichen. Von einem reinen Produzentenfilm und einer sich der Masse anbiedernden Auftragsarbeit ist Stoker meilenweit entfernt. Spätestens die finalen Konfrontationen lassen sämtliche Zweifel verschwinden und Fan-Herzen höher schlagen, wenn emotionalen Höhepunkten nicht gerade zimperliche Auseinandersetzungen folgen.

Eine Handlung, die sich auf wenige Charaktere konzentriert, bedingt natürlich überzeugendes Schauspiel von seinen Darstellern. Matthew Goode macht seine Sache ausgezeichnet als psychopathischer Onkel, der mit seinem freundlichen, aber bestimmten Auftreten einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die verbitterte Witwe, der schon seit langer Zeit jegliche Bindung zu ihrer Tochter fehlt, nimmt man Nicole Kidman, die trotz ihrer mimischen Beschränkungen eine solide Vorstellung abliefert, problemlos ab. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist aber die junge India, ein sozial und emotional abgeschottetes, introvertiertes, morbides Mädchen, das im Film als einzige Figur eine ziemlich drastische Entwicklung durchmacht. Die Dialoge beschränken sich auf die nötigsten Dinge, die gesagt werden müssen, ansonsten trägt Mia Wasikowska den Film mit ihrer eindringlichen Mimik und Gestik. Riskantes Unterfangen, aber hier voll und ganz gelungen. India ist ein vielschichtiger Charakter, der sich nach und nach wie in einer Art bizarren Coming-Of-Age-Geschichte selbst entdeckt und im Wechselspiel mit Onkel Charlie ein verborgenes Verlangen erweckt, das nicht ohne weitreichende Konsequenzen bleiben kann.

Das erfreuliche Fazit: Skeptiker dürfen aufatmen. Stoker ist ein rundum gelungenes US-Debüt von Park Chan-wook. Und auch wenn der Film nicht an vergangene Meisterwerke des Regisseurs wie Oldboy (2003) und Lady Vengeance (2005) heranreicht, bleibt er als spannender Psychothriller in Erinnerung, als audiovisuell beeindruckende Hitchcock-Hommage mit ungemein viel Stil.

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2 Gedanken zu “Stoker

    1. Ach, wird dir bestimmt gefallen, wenn du sowohl mit Hitchcock, als auch mit Park etwas anfangen kannst. Man muss jetzt auch ersteren gar nicht zu präsent im Kopf haben, denn eigentlich ist das mehr ein Ausgangspunkt für Park, der dann letztlich seinen eigenen Weg einschlägt. Aber es ergibt definitiv eine interessante Mischung.

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