Die tödliche Maria

Die tödliche Maria

Fragt man in die Runde, was Deutschland denn in den letzten 20 Jahren so an guten Regisseuren hervorgebracht habe, muss eine der häufigeren Antworten unweigerlich Tom Tykwer lauten. Erst jüngst drehte er in Kollaboration mit den Wachowski-Geschwistern Cloud Atlas (2012), den teuersten deutschen Film aller Zeiten, und auch zuvor feierte er bereits kritische, sowie kommerzielle Erfolge mit Werken wie Das Parfum (2006) und Lola rennt (1998). Angefangen hat Tykwers Karriere im Jahr 1993 natürlich mit äußerst überschauberem Budget. Das hielt ihn aber nicht davon ab, einen kleinen, aber feinen Psychothriller namens Die tödliche Maria zu inszenieren.

Maria (Nina Petri) führt ein eintöniges Dasein als herumkommandierte Ehefrau ihres spielsüchtigen, kaltherzigen Mannes Heinz (Peter Franke) und als unterdrückte Tochter ihres invaliden, bettlägerigen Vaters (Josef Bierbichler), der im Zimmer unter dem Dach dahinvegetiert. Die dunkle, muffige Wohnung verlässt sie in der Regel nur, um die Einkäufe zu erledigen. Das Leiden unter den beiden Männern, die ihr weder Achtung, noch Zuneigung entgegenbringen, ist längst einer emotionslosen Akzeptanz gewichen, mit der sich Maria von ihrer eigenen Menschlichkeit völlig distanziert. Doch dann lernt sie zufällig den schüchternen Dieter (Joachim Król) vom Haus gegenüber kennen und spürt, wie sich wieder etwas in ihrem Inneren regt. Vielleicht ist es an der Zeit, die Isolation zu durchbrechen und mit den Peinigern abzurechnen.

Schon zu Beginn stellt Tykwer klar, Die tödliche Maria wandelt audiovisuell auf ganz eigenen Pfaden. Von den Konventionen der deutschen TV-Produktionen will er nichts wissen; als Inspiration dienen eher die Licht- und Kameraarbeit eines David Lynch, der streng subjektive Einsatz von Narration und Set, wie sie Roman Polański beispielsweise in Ekel (1965) beherrschte, und sogar ein wenig Cronenberg’scher Bodyhorror.
Die warmen Rot- und Brauntöne der altertümlich anmutenden Wohnung Marias, stehen dabei im krassen Gegensatz zur ihrem Gefühlsleben, dem sie ferner kaum sein könnte. Von Anfang an ertönt ihre Stimme aus dem Off und gibt ihre Gedanken wieder: Kühl, analytisch, distanziert. Maria hat sich von ihrem eigenen Leben emotional abgekapselt und nimmt inzwischen eine sachliche Beobachterrolle ein, eine losgelöste Sicht von außen auf eine schier ausweglose Tristesse, begleitet von der rhythmischen Filmmusik, die der Regisseur gemeinsam mit Klaus Garternicht erarbeitete.

Die Ursprünge, die dazu geführt haben, bringt uns Tykwer nach und nach in beklemmenden Rückblicken näher und ermöglicht so einen Blick auf eine erschreckende Kindheit und Jugend Marias, die sie psychologisch für immer gezeichnet haben. Der Kreis schließt sich in der Gegenwart mit ihrer deshalb nur sehr zögerlichen Annäherung an Dieter, der zwar etwas eigenartig, aber im Grunde doch ziemlich sympathisch daherkommt. Erst dadurch gelingt es Maria, wieder eine Bindung zu sich selbst herzustellen und ihre angestauten, aber zuvor hermetisch abgeriegelten Gefühle in einen Akt der Vergeltung kulminieren zu lassen.

An der Kreativität des Filmemachers und dem mutigen Einsatz filmischer Mittel dürfte nach dem Ansehen von Die tödliche Maria kein Zweifel mehr bestehen. Schicht um Schicht trägt Tykwer von Marias verschlossener Schale ab, lässt uns in expressionistischer und teils surrealistischer Ästhetik immer tiefer in ihr Innenleben eindringen und erzählt so die bemerkenswerte Geschichte eines lebenslangen Alptraums.

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