Die Jagd

Die Jagd

Wie eine unüberlegte Unwahrheit das Leben eines Menschen zur Hölle machen kann, zeigt Thomas Vinterberg in seinem jüngsten Film Die Jagd, einem eindringlichen Drama, das seinem Hauptdarsteller Mads Mikkelsen eine Auszeichnung in Cannes einbrachte.

Lucas (Mads Mikkelsen) hat es wahrlich nicht einfach. Seine Anstellung als Lehrer musste er aufgeben, weil das Gymnasium wegen Schülermangels geschlossen wurde. Jetzt arbeitet er notgedrungen als Erzieher im Kindergarten seines Heimatdorfs, lebt von seiner Frau getrennt und hat kaum Gelegenheit seinen vierzehnjährigen Sohn Marcus (Lasse Fogelstrøm) zu sehen, der bei seiner Mutter lebt und von der Kontaktaufnahme zu seinem Vater abgehalten wird. In der Kindergruppe der kleinen Gemeinschaft betreut er unter anderem auch die fünfjährige Klara (Annika Wedderkopp), die Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen). Das Mädchen himmelt Lucas an, erkennt in ihm einen Halt in der stressigen Situation zwischen Streitigkeiten ihrer Eltern, der Nichteinhaltung von Terminen und einem daraus resultierenden Gefühl der Vernachlässigung. Als sie Lucas im Kindergarten jedoch einen Kuss auf den Mund gibt, macht dieser ihr deutlich, dass das nicht in Ordnung sei. Irritiert und gekränkt erzählt sie der Kindergartenleiterin Grethe (Susse Wold), dass sie Lucas hasse und vermischt ihre Gedanken mit der Erinnerung an ein pornografisches Bild, das ihr von ihrem älteren Bruder vor wenigen Tagen aus Spaß gezeigt wurde. Mit der Behauptung, Lucas habe ihr seinen Penis gezeigt, löst sie unwissentlich eine Hexenjagd aus, deren Missbrauchsvorwürfe den Erzieher an den Abgrund treiben.

Die filmische Behandlung des Themas Kindesmissbrauch ist für Vinterberg nichts neues. Bereits 1998 widmete er sich in Das Fest innerfamiliären Zerwürfnissen und einer alles überdeckenden Scheinheiligkeit, die einen Mantel kollektiven Schweigens über eine solche Tat legte. Von einem müden Aufguss ist Die Jagd allerdings weit entfernt. Zunächst einmal sind die Zeiten der Dogme-95-Bewegung für den Regisseur wohl endgültig vorbei. Der körnige, dokumentarische Handkamerastil, der Verzicht auf zusätzliche Ausleuchtung und die nicht vorhandene Musik sind längst einer klaren, bodenständigen Ästhetik gewichen, die aber nach wie vor authentisch und unterstützend wirkt, sich den Figuren und ihren persönlichen Dramen unterordnet.

Inhaltlich tritt an die Stelle eines verachtenswerten Heile-Welt-Gehabes nun eine nicht minder abscheuliche direkte Offensive, die eine ganze Ortschaft gegen einen einzelnen Mann aufbringt. Die Rollen scheinen klar verteilt zu sein, denn wir wissen ja, dass Lucas nichts getan hat, und doch lässt sich die Schuldfrage nicht ohne weiteres abhaken. Klara versucht den Erwachsenen zu erklären, dass sie gelogen und etwas dummes gesagt hat, doch es ist bereits zu spät. So richtig zugehört wird ihr diesmal nicht. Vinterberg zeigt uns Blindheit und Verständnislosigkeit, die einerseits wütend macht, sich andererseits jedoch nicht undenkbar anfühlt. Unmenschlich? Definitiv. Aber auch ein Stück weit nachvollziehbar, wenn man sich in Theo hineinversetzt, der in dem Glauben ist, dass sich sein bester Freund an seiner kleinen Tochter vergriffen hat. Es sind unangenehme Gedanken zu denen der Regisseur seine Zuschauer zwingt.

Die Problematik ist nicht nur zeitlos wichtig, sondern auch gerade in Dänemark hochaktuell. Die öffentliche Diskussion um Kindesmissbrauch an Kindergärten und einige tatsächliche – nicht zwangsläufig bewiesene – Verdachtsfälle aus den vergangenen Jahren bewirkten, dass sich männliche Erzieher inzwischen  hilflos, verunsichert und vor allem stark eingeschränkt fühlen. Strenge Reglementierungen legen fest, dass sie sich nicht mehr allein in einem Raum mit den Kindern aufhalten dürfen, dass sämtliche Türen des Gebäudes immer offen sein müssen und dass sogar in einigen Einrichtungen Körperkontakte wie Umarmungen oder auf den Schoß setzen verboten sind. Die tatsächliche Zahl der Missbrauchsfälle ist nicht gestiegen, wohl aber ein übersensibler Drang nach Schutz, der zu einer beinahe obsessiven Angst angewachsen ist.

Daher ist Vinterbergs Die Jagd auch ein Spiegel der gegenwärtigen dänischen Gesellschaft und ihrem Umgang mit Richtlinien zum Schutz vor sexuellen Übergriffen an Kindern. Hinter diesen Verordnungen mögen die besten Absichten stecken, wie auch hinter dem kollektiven Ausschluss Lucas‘ von der Dorfgemeinschaft, doch letztlich hat die Medaille auch eine leider zu wenig beachtete Kehrseite, wenn unschuldige Menschen fortan unter Dauerverdacht stehen. Der Film konkretisiert einen dieser Verdachtsfälle, denkt ihn konsequent weiter und zeigt uns eindrucksvoll wie ein Mensch beobachtet, isoliert und anschließend gejagt wird. Absolute Empfehlung, aber nichts für heitere DVD-Abende.

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2 Gedanken zu “Die Jagd

  1. Wow, die Story bzw. das Thema ist ja mal echt gut. Hätte ich gewusst, dass es in dem Film darum geht, wäre ich wohl schon im Kino gewesen. War letztens sogar zwei Mal in einem Kino, das diesen Film zeigt, aber natürlich hatte ich nicht das Glück, vor den Filmstarts den Trailer DIESES Films vorgesetzt zu bekommen. Stattdessen kamen irgendwelche unsinnige Sachen. Jetzt ärgere ich mich natürlich total.

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