Aktion Mutante

Aktion Mutante

Der wichtigste Filmpreis Spaniens ist der Goya, eine Bronzebüste des bekannten, gleichnamigen Künstlers. Für junge filmschaffende Spanier ist diese Auszeichnung natürlich sehr erstrebenswert, sorgt sie schließlich nicht nur für landesweite Anerkennung, sondern darüber hinaus auch für internationale Aufmerksamkeit; ein Preis, der die großen Kunstwerke des spanischen Kinos zu definieren scheint. Und dann gibt es da diesen skurrilen Filmemacher, der auf alle Konventionen pfeift und mit einer Reihe von schwarzhumorigen, brutalen Streifen einen Goya nach dem anderen abräumt und noch weit mehr Nominierungen erhält. Die Rede ist vom inzwischen zum Kultregisseur avancierten Álex de la Iglesia, der mit seinem Spielfilmdebüt, einem trashigem Sci-Fi-Splatter-Spaß names Aktion Mutante, den Grundstein für seine Karriere legte.

Es dreht sich alles um die titelgebende Terrorzelle Acción Mutante, einer kleinen Gruppe von Krüppeln und Missgebildeten, die sich im Spanien der nahen Zukunft mit Anschlägen und Entführungen der dekadenten Oberschicht aus Reichen und Schönen entgegenstellt. Kopf der kriminellen Bande ist der im Gesicht entstellte, skrupellose Schwerverbrecher Ramón (Antonio Resines). Der Rest der überwiegend nicht gerade mit Klugheit gesegneten Truppe beseht aus den siamesischen Zwillingen Juan (Juan Viadas) und Álex (Álex Angulo), dem vorbestraften, behinderten Mechaniker José (Karra Elejalde), dem taubstummen und nachweislich mit dem niedrigsten I.Q. der Welt ausgestatteten Hünen Amancio (Alfonso Martínez), dem beinamputierten César (Saturnino García) in seinem Schwebestuhl und schließlich dem buckligen Mörderzwerg Chepa (Ion Gabella), seines Zeichens homosexueller Jude, Kommunist und Freimaurer.

Bisher sind die Coups der Acción Mutante eigentlich immer gnadenlos gescheitert. Zeit, dass sich das ändert, denn jetzt, da Ramón endlich wieder aus dem Gefängnis entlassen worden ist, plant er die Entführung der Industriellentochter Patricia Orujo (Frédérique Feder) auf ihrer eigenen Hochzeit. Dass auch diese Aktion mehr schlecht als recht verläuft, ist keine Überraschung. Die militanten Freaks überleben das Blutbad nicht ohne Verluste, Ramón sieht nicht ein, das Lösegeld zu teilen, die Entführte leidet am Stockholm-Syndrom und ihr faschistischer Vater ignoriert das Wohl seiner Tochter und macht lieber selbst Jagd auf die Terroristen, die in einem schäbigen Raumschiff unterwegs zum Übergabeort sind: Eine heruntergekommene Minenarbeiterbar auf einem Planeten, der ausschließlich von Sexualtriebtätern bewohnt wird.

Zugegeben, das klingt bescheuert und ist es tatsächlich auch, aber genau das ist eben eine der großen Stärken von Aktion Mutante. De la Iglesia nimmt keine Rücksicht auf Bodenständigkeit. Sein Film ist eine schwarze Komödie mit einer gehörigen Portion Gewalt und comichafter Überzeichnung sämtlicher wichtiger Elemente. Charaktertiefe sucht man hier hoffentlich nicht, denn es ist von vornherein klar, dass die meisten Figuren hoffnungslos dämlich, trottelig oder auf irgendeine groteske Weise vollkommen bekloppt sind. Dementsprechend bewegt sich der Humor mitunter auf niedrigem Niveau, bekommt aber dennoch oft die Kurve. Letztlich sorgen die skurrilen Charaktere, gepaart mit übertrieben zelebrierter Brutalität für kurzweilige Unterhaltung ohne nennenswerte Hänger.

Dass Aktion Mutante gerade in der audiovisuellen Gestaltung gegenüber ähnlich gearteten Trashformaten punkten kann, hat der Film seinem vergleichsweise ordentlichen Budget zu verdanken, das dadurch zu Stande kam, weil Regiegröße Pedro Almodóvar als Produzent tätig war. Die Ausstattung versprüht das typische 90er-Jahre-Comicfilmflair, das Fans von Batman (Tim Burton, 1989) oder Judge Dredd (Danny Cannon, 1995) gefallen wird: Ein rauhes Zukunftsszenario mit jeder Menge Metall, Schleim, Qualm und farbintensiv ausgeleuchteten Szenen.
Schade allerdings, dass De la Iglesia das inhaltliche Potential seines dystopischen Settings ungenutzt lässt. Der Status Quo seiner Geschichte, ein Gesellschaftsbild, das von einem Schönheitsideal des perfekten Körpers in Form eines totalitären Regimes dominiert wird, böte so einigen Stoff. Doch in diesem Fall verwehen jegliche gesellschaftskritische Ansätze bereits nach einer halben Stunde im Nichts. Stattdessen bekommen wir aber trotzdem ein wildes Feuerwerk der Eigenarten geboten, denn Aktion Mutante ist wahrlich ein furioses Filmvergnügen; geschmacklos, rasant, anarchistisch, lärmend und keine Sekunde langweilig.

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