Sonatine

Sonatine

Im Jahr 1997 feierte Takeshi Kitano seinen endgültigen internationalen Durchbruch mit Hana-Bi, der ihm den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig bescherte. Das melancholische Drama besticht durch die virtuose Inszenierung seiner poetischen Bilder, die sich auf gefühlvolle und nachdenkliche Weise dem Thema Todeserwartung widmen. Doch das war nicht das erste Mal, dass sich Kitano auf eine solche Weise dieser Thematik annäherte. Bereits vier Jahre zuvor drehte er mit dem etwas anderen Yakuzafilm Sonatine die wunderschöne Erzählung eines dem Tode geweihten Gangsters als meditative Ode an das Leben, die mindestens die gleiche Aufmerksamkeit wie seine späteren Werke verdient hätte.

In der Hauptrolle hat sich Kitano einmal mehr selbst besetzt und es funktioniert – wie so oft – einfach unheimlich gut. Er mimt den kompromisslosen Yakuza Murakawa, der seiner monotonen Tätigkeit längst müde geworden ist. Die Routine und der Erfolg seines Gangsterdaseins können die Leere in seinem Leben nicht mehr füllen. Ein Ausstieg schwebt ihm vor. Sein Boss hat jedoch ganz andere Pläne. Ihm ist sein Schützling zu erfolgreich, schlicht zu gefährlich geworden und so beschließt er, ihn unter einem Vorwand nach Okinawa zu locken, um sich seiner zu entledigen. Murakawas Instruktionen beauftragen ihn mit der Schlichtung eines vermeintlichen Bandenkriegs. Gemeinsam mit einer fragwürdigen Gruppe von niederen und teils wenig befähigten Gangstern reist er also auf die sonnige Insel, nur um vor Ort festzustellen, dass keine der ansässigen Banden um Hilfe von außen gebeten hatte. Spätestens als die ersten Anschläge auf ihn und seine Leute ausgeübt werden, ist jedem klar, warum man hierhin beordert wurde. In einem abgelegenen Strandhaus finden Murakawa und vier weitere Überlebende Unterschlupf, um die prekäre Lage abzuwarten.

Das Besondere an Sonatine, das ihn zu einem Meilenstein, nicht nur in Kitanos persönlichem Schaffen, sondern auch im japanischen Kino macht, ist die bewusste Verweigerung inszenatorischer Konventionen des zeitgenössischen Gangsterfilms. Ab dem Moment der Handlung, in dem die kleine Gruppe in der kleinen Unterkunft am Strand ausharrt, wird das Erzählte radikal entschleunigt. Die jetzt immer fragmentarischer werdenden Szenen sind nur noch lose Verbunden. Auslassungen nehmen dem Zuschauer jegliches Zeitgefühl und der Fokus verschiebt sich nun überdeutlich vom Plot zu den Figuren hin. Konkret äußert sich das darin, dass Kitano uns fünf Kriminelle zeigt, die erstmals wieder ein Gefühl für das Leben an sich bekommen: Hier im sonnigen Okinawa toben sie im Meer oder zeichnen einen Dohyō, einen Ring für Sumō-Kämpfe in den Sand. Das Zentrum der Faszination ist der Protagonist Murakawa. Von Lebensmüdigkeit und Todessehnsucht geprägt, kann er auf dem idyllischen Eiland ein erstes und letztes Mal die Leere seiner Existenz füllen.

Kitano untergräbt damit das Prinzip der Gangsterfigur im Yakuzafilm. Dort definieren sich die Charaktere üblicherweise über ihre Aufgaben, sowohl über die kommenden, als auch über die bewältigten. Ein Gangster hat eine Rangordnung und klare Vorgaben. Für ein Leben abseits des organisierten Verbrechens ist in der Regel weder Platz, noch Verständnis. Hier aber, in Sonatine, wird eine Gruppe Yakuza mit einer ungeahnten Freiheit und Ziellosigkeit konfrontiert, die ihnen erstmals wieder eröffnet, ein lebensbejahendes Gefühl von Menschlichkeit zu entdecken.

Was dem japanischen Regisseur mit diesem Film gelungen ist, kann man ruhigen Gewissens als kontemplative Betrachtung des Genres, des Mediums und des Menschen selbst bezeichnen. Es ist ein Appell an den Ausbruch aus der Festgefahrenheit des Gewöhnlichen. Statische Kamera, der Verzicht auf ein stringentes Drehbuch und eine wortkarge Lakonie, die sich mit einem Lächeln durch eine kleine paradiesische Welt zieht, in der der unausweichliche Tod auf unbekümmerte und faszinierende Weise zur Nebensache gerät, machen Sonatine zu einem denkwürdigen Stück Filmpoesie.

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