Der Leichenverbrenner

Der Leichenverbrenner

Der tschechische Regisseur Juraj Herz ist hierzulande sicherlich am bekanntesten für seine Märchen- und Kinderfilme in den 1980er und 1990er Jahren, die teils in deutscher Koproduktion entstanden. Doch bereits 1969 schuf er mit seinem dritten Kinofilm Der Leichenverbrenner einen Meilenstein des tschechichen Kinos, der in seinem Heimatland verdientermaßen zum besten Film des Jahres gewählt wurde.

Zu den Grundprinzipien des biederen Familienvaters Karl Kopfrkingl (Rudolf Hrušínský) gehören vor allem Ordnung und absolute Hingabe. Seine Leidenschaft gilt seiner Frau und seinen beiden Kindern, aber auch ganz besonders seinem Beruf als Krematoriumsangestellter. Inspiriert vom buddhistischen Glauben, sieht sich Kopfrkingl als Erlöser, der durch die Verbrennung der Toten deren irdisches Leiden verkürzt.
Als Tschechien jedoch von den Nazis besetzt wird und die rechte Partei auf ihn zutritt, erinnert sich der sonst so vorbildliche Tscheche an das deutsche Blutes, das ihm aufgrund seiner Ahnen durch die Adern fließt. Kopfrkingl wittert Möglichkeiten, seinem Leben eine neue, bessere Richtung zu geben und erliegt einem verqueren Wahn vom Heil faschisischen Gedankenguts.

Filme über das dritte Reich und dessen Auswirkungen auf die Menschheitsgeschichte gibt es bekanntermaßen nicht gerade selten, doch Herz wählt für seinen Film eine ungewöhnlichere Herangehensweise, die auf die Visualisierung der Gräueltaten des Krieges verzichtet. Stattdessen nähert er sich der verheerenden politischen Verhältnisse dieser Epoche mittels einer psychologischen Studie über den Faschismus im Allgemeinen. Wie ein Parasit befällt diese menschenverachtende Philosophie den Protagonisten, nistet sich in seinem Kopf ein und verändert seine Gesinnung zu eben jenem Alptraum, der ihn nicht einmal vor Frau und Kindern zurückschrecken lässt, als er von deren jüdischen Wurzeln erfährt.

Inszeniert in unruhigen, schwarz-weißen Bildern zeigt sich Der Leichenverbrenner gewissermaßen experimentell. Überdurchschnittlich viele Schnitte und bizarre Nahaufnahmen bei bewusst irritierender Objektivwahl und ungewohnten Kamerapositionen verleihen Herz‘ Film einen mitunter surrealistischen Look. Die Stimmung ist kafkaesk und beklemmend, der Stil fast unwirklich und expressionistisch. Kopfrkingls Handeln wirkt grotesk, erscheint fremdartig und doch wissen wir um die erschreckend reale Darstellung des Faschismus, die uns der Regisseur hier präsentiert. Die intensive Wirkung verdankt der Film allerdings auch der überragenden schauspielerischen Leistung Hrušínskýs, der seiner Figur eine enorme Leinwandpräsenz und eine schockierende Nachvollziehbarkeit verleiht.

Der Leichenverbrenner benötigt keinen moralischen Imperativ. Auf Zeigefinger und gedrückte Tränendrüsen verzichtet Juraj Herz völlig. Sein Anliegen ist die morbide Dokumentation eines Menschen, der sich vom unschuldigen Bürger über verwerfliches Mitläufertum bis hin zum bekehrten Wahnsinnigen entwickelt. Das gelingt dem Tschechen so unheimlich gut, dass sein Film getrost zu einem der relevantesten und besten Werke erklärt werden darf, das sich je mit dieser wichtigen Thematik befasst hat.

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