Angst

 Angst

Das österreichische Kino ist oft ein unangenehmes, das seine Zuschauer mit der Unbehaglichkeit und Grausamkeit der Realität konfrontiert. In bedrohlich nüchterner Manier gehen vor allem bekannte Vertreter wie Michael Haneke oder Ulrich Seidl zu Werke. In eine ähnliche Kerbe schlägt Gerald Kargls 1983 gedrehter und einziger Spielfilm Angst, der den brutal ausartenden Hafturlaub eines der gefährlichsten Straftäter des Landes dokumentiert.

Basierend auf wahren Begebenheiten, folgt der Film dem Kriminellen Werner Kniesek (Erwin Leder) bei dessen dreitägigen Hafturlaub, wenige Wochen vor der Entlassung aus dem Gefängnis. Dabei wird jede seiner Handlungen von seiner Erzählstimme aus dem Off begleitet und schnell wird klar: Kaum aus seiner Zelle raus, plant Kniesek bereits die nächste Tat. Mit einem Taxi fährt er nach St. Pölten, auf der Suche nach seinen nächsten Opfern. Dieses Mal sollen sie richtig Angst bekommen, bevor er sie schließlich ermordet. Das Quälen und das Töten üben eine irrationale Faszination auf Kniesek aus. Da kommt es dem psychopathischen jungen Mann ganz gelegen, dass nur kurz nach seinem Eindringen in eine Villa, die dort wohnhafte Familie zurückkehrt. Mehr vom Wahn als vom Verstand getrieben, setzt er seine unmenschlichen Gelüste in die Tat um.

Filmisch ist Angst eine der vielleicht intimsten Annäherungen an einen Serienkiller überhaupt. Der Protagonist bestimmt die gesamte Handlungsstruktur. Ihm folgt die Kamera, er dominiert das Bild. Das starke Voiceover, das jeden seiner Schritte reflektiert, Gefühle und Absichten beschreibt, sowie Erinnerungen an eine gestörte Kindheit heraufbeschwört, komplettiert das Gefühl von Nähe zu einem absolut abscheulichen Untier von einem Menschen. Kniesek ist jedoch kein Mastermind, keine der populären Killerfiguren wie Hannibal Lecter oder John Doe, die mit beeindruckendem Intellekt das strukturierte Töten und den Zweikampf mit dem Gesetz fast schon zur Kunstform erheben. Nein, Kniesek ist ein gehetztes Tier mit rudimentären Ideen, aber vor allem unbändigem Tötungsdrang, das seine Befriedigung im brutalen Rausch der Gewalt sucht.

Nervös, unbeholfen, sadistisch, panisch – Erwin Leder vereint in seinem überragenden Schauspiel all diese Facetten des Killers und führt uns ganz dicht an seinen verstörenden Charakter heran. Mühelos wechselt er von einem Gemütszustand in den nächsten. Immer mit dabei: Die hochwertige Kameraarbeit mit ihrer unheimlichen Präzision zwischen unerträglichen Close-Ups, maßgenauen Schwenks und überblickenden Kranfahrten. Dem kommt zugute, dass es quasi kaum Auslassungen gibt und den Großteil der Handlung über praktisch ein Gefühl von Echtzeit vermittelt wird. Der synthetische Soundtrack ist aufdringlich, aber gerade deswegen auch passend. Mit hypnotischer Kraft zwingt er sich dem Zuschauer förmlich auf, um ihn nicht mehr loszulassen.

Seine Direktheit ist es, die Angst letztlich zu einem faszinierenden, ekelerregenden, schonungslosen Porträt eines Mörders macht. Es gibt keine Sympathie, keine Identifikation, nur den unangenehmen Griff, der uns festhält und zwingt, die Auswüchse einer gestörten Psyche in Form von widerwärtigen Gräueltaten mitanzusehen. Entgegen der beliebten Serienkillergeschichten, gibt es in Kargls Werk keine Glorifizierung des Mörders. Romantische Vorstellungen, die dem Töten von Menschen irgendeine Rechtfertigung verleihen oder den Akt in die Form eines verqueren, doch gut verrichteten Handwerks zwängen, sind nicht vorhanden. Werner Kniesek ist kein Dexter Morgan, sondern eine furchterregende Kreatur, der man sich nicht entziehen kann.

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