Gravity

Gravity

Sieben Jahre waren seit der virtuos inszenierten Dystopie Children of Men vergangen, die Erwartungshaltung an Alfonso Cuaróns neuesten Film entsprechend groß. Vor allem als sein Freund und Kollege Guillermo del Toro bereits während der Dreharbeiten verlauten ließ, dass mit Gravity etwas Großes auf uns zukäme, und man von nie verwendeter Filmtechnologie sprach, war damit zu rechnen, dass sich Cuarón einmal mehr anschickte, die Grenzen seines Handwerks auszuloten.

Astronaut Matt Kowalski (George Clooney) und Missionsspezialistin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) führen Wartungsarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop durch, als ein Funkspruch der NASA-Kommandozentrale vor einem gefährlichen Trümmerfeld warnt, das durch eine Kettenreaktion zerstörter Satelliten entstanden ist und sich mit hoher Geschwindigkeit im Erdorbit bewegt. Ein sicherer Missionsabbruch ist nicht mehr möglich, erste Trümmer treffen einen dritten Astronauten tödlich, zerstören Hubble und Space Shuttle und schleudern Stone und Kowalski als einzige Überlebende des Einsatzes in die Leere des Alls.

Diese erste Viertelstunde, in einem einzigen CGI Tracking Shot ohne sichtbare Schnitte gedreht, von einer schier grenzenlosen Kamera begleitet und mit einem klugen Sounddesign versehen, steht sinnbildlich für genau das – auch in den folgenden 75 Minuten – eindrucksvolle Filmerlebnis, auf das Cuarón viereinhalb Jahre lang hingearbeitet hat. Gravity ist wunderschön anzusehen und fühlt sich an, als wäre man im unendlichen Raum mit dabei, statt nur im Kinosessel. Die Qualität der Spezialeffekte ist absolut außerordentlich. In Verbindung mit für Cuaróns Stil typischerweise nur wenigen wahrnehmbaren Schnitten, sorgen sie für ein dokumentarisches Echtzeitgefühl: Live eine folgenschwere Katastrophe im Weltall miterleben!

Die Angst, sämtliche Fixpunkte zu verlieren und ziellos im ewigen All zu trudeln, bis man an Sauerstoffmangel verstirbt, ist dabei ein ständiger Wegbegleiter, speziell für Dr. Stone, die das erste Mal in ihrem Leben die Erde verlassen hat. Kowalski hingegen begegnet allen Widrigkeiten mit übertriebener Gelassenheit. Es ist seine letzte Mission, kein Grund zur Panik, denn im Weltraum gefällt es ihm ohnehin am besten. Bei nur zwei Darstellern, die die gesamte Zeit über auf sich gestellt sind, ist die Handlung selbstverständlich reduziert und konzentriert. Dr. Stones Überlebenskampf wird gleichzeitig zu einer groß angelegten Metapher für ihre inneren Konflikte und wenn in einigen Actionsequenzen die Leere mit treibender Musik gefüllt wird und Dialoge, sowie Monologe auf eher simple Durchhalteparolen hinauslaufen, steckt darin gewiss ein nicht zu unterschätzendes Maß an Hollywoodkitsch. Angesichts der durchgehenden Spannung und der herausragenden technischen Umsetzung ist es allerdings zu verschmerzen, dass Gravity auf Massenappeal statt auf philosophischen Gehalt setzt.

Regie-Kollege James Cameron bezeichnet den Film als “die beste Weltraum-Aufnahme, die jemals gemacht wurde“. Eines ist sicher, Cuaróns Weltraum-Spektakel begeistert mit unvergesslichen Bildern. Man riet ihm damals, noch ein paar Jahre zu warten, bis die Technologie so weit sei, doch der Mexikaner wollte loslegen und seinen Traum verwirklichen. Jahrelange Filmarbeiten, die aufgrund des hohen technischen Aufwands sogar die Post-Produktion vor die eigentlichen Dreharbeiten schoben und eigens für den Film neu entwickelte Maschinen, um die innovativen Sequenzen entstehen zu lassen, haben sich letzten Endes aber ausgezahlt: Gravity ist ein visueller Meilenstein der Filmgeschichte.

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