Byzantium

Byzantium

Der Vampirfilm ist heutzutage sicherlich ein pikantes Thema, schließlich machen die Blutsauger in unseren popkulturellen Erzeugnissen derzeit überwiegend als Objekt der Begierde in übernatürlichen Romanzen auf sich aufmerksam, deren Zielgruppe jugendliche Mädchen sind. Das einstige Bild der kultivierten, aber mächtig gefährlichen Kreaturen der Nacht scheint auf den ersten Blick verwässert zu sein. Doch bei genauem Hinsehen stellt man fest, dass es nach wie vor gute Filme über Vampire gibt. Perlen wie So finster die Nacht (Tomas Alfredsson, 2008) und Durst (Park Chan-wook, 2009) beweisen, dass das Thema noch längst nicht ausgelutscht ist und man dem Genre noch neue Aspekte abgewinnen kann, ohne den eigentlichen Fans dieser Geschöpfe vor den Kopf zu stoßen. Nun schickt sich Neil Jordan, Regisseur von Interview mit einem Vampir (1994), an, den zeitgenössischen Vampirfilm um ein weiteres Qualitätswerk zu ergänzen: Byzantium.

Clara (Gemma Arterton) und ihre Tochter Eleanor (Saoirse Ronan) leben seit über 200 Jahren als Vampire und erkaufen sich ihre Unsterblichkeit mit Menschenblut. Um nicht entdeckt zu werden, ziehen sie durch England von Stadt zu Stadt. Nahezu mittellos lassen sie sich in einem kleinen Küstenort im heruntergekommenen Hotel Byzantium nieder, das Clara kurzerhand zum Bordell umfunktioniert. Gleichzeitig verliebt sich Eleanor in den an Leukämie erkrankten Studenten Frank (Caleb Landry Jones) und bricht die einzige Regel, die das Überleben des blutsaugenden Duos sichert: Sie verrät ihr düsteres Geheimnis. Die Lage spitzt sich zu, denn eine mysteriöse Bruderschaft ist den Vampirinnen bereits auf der Spur, um sie zur Strecke zu bringen.

Zwar gibt es Thriller-Anleihen und auch so manche Horrorsequenz wie beispielsweise den Ritus der Vampirwerdung, bei dem das Blut in Sturzbächen fließt, doch im Kern ist Byzantium ein Figurendrama. Der Fokus der Handlung richtet sich auf zwei Vampire, die mit sich und ihrem Platz in der Welt auf vollkommen verschiedene Weise umgehen und den Geschehnissen durch diesen Kontrast eine ganz eigene Dynamik verleihen. Clara ist eine um kein Wort verlegene Prostituierte, die in ihrem Blutdurst aufgeht und mit ihrer direkten, provokanten Art den dominanten Pol in der Mutter-Tochter-Beziehung markiert. Eleanor hingegen ist still, introvertiert und der ewigen Flucht müde. Sie sehnt sich nach einem anderen Leben. Obwohl sie dem fragilen Menschen Frank so viele Jahre an finsterer Lebenserfahrung voraus hat, teilt die ewig Sechzehnjährige mit ihm ein gemeinsames Schicksal: Sie sind zwei Außenseiter auf der Suche nach Verbundenheit; eine behutsam erzählte Vampir-Mensch-Beziehung, die ein wenig an Eli und Oskar aus So finster die Nacht erinnert.

Ist Eleanors Geschichte auf dem hoffnungsvollen Weg in eine Gegenwart der Ruhe und Stabilität, folgt Claras stete Unruhe ihrer Vergangenheit, der sie nicht entkommen kann und die sie ihrer Tochter verschweigt. Abseits des heutigen Englands, erzählt der Regisseur die Anfänge von Claras vampirischem Dasein im viktorianischen Zeitalter mit einer Scheineleganz in schönen Aufnahmen, hinter denen die gleichen Mechanismen von unmenschlichen Gelüsten stecken, die die attraktive Frau schon damals in die Verzweiflung getrieben haben. Es ist also keine Überraschung, dass Clara in ihrem Gewerbe seit mehr als zwei Jahrhunderten tätig ist.

Zwischen dem unaufhaltsamen Schatten der Vergangenheit und der blassen Hoffnung auf eine Zukunft, die das zyklische Schicksal der beiden Vampirdamen durchbrechen könnte, kleidet Jordan seinen Film dank Sean Bobbitts hochwertiger Kameraarbeit in überaus elegante Bilder. Sachte Kamerabewegungen und klassische Montage definieren eine Ästhetik fern des populären Drangs nach dokumentarischem Realismus. Obwohl es einige äußerst brutale Momente gibt, wirkt das blutdürstige Gebaren nur bedingt wie ein Fremdkörper. Jordan versteht es, auch diese Tötungsszenen kunstvoll in Szene zu setzen. Unterstrichen wird die zeitlose visuelle Gestaltung von einem zurückhaltenden, melancholischen Soundtrack, der sich dem Zuschauer nie aufdrängt.

Byzantium ist ein Vampirfilm, der sich zwar einiger Genreversatzstücke bedient, sie jedoch neu anordnet, vertieft und in eine unheimlich stimmungsvolle Geschichte verpackt, die sich schön langsam entblättert, um im Schlussdrittel schließlich an Fahrt aufzunehmen. Ein sensibles Drama, das fasziniert und von Anfang bis Ende nicht mehr loslässt.

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