Katalin Varga

Katalin Varga

Ein Englischlehrer in Budapest erbt eine ordentliche Summe Geld von seinem verstorbenen Onkel und verwirklicht seinen ersten Spielfilm mitten im transsilvanischen Nirgendwo. Ungewöhnlich, aber wahr. Peter Strickland, ursprünglich aus Reading, England, lebte den Großteil der vergangenen Dekade in Osteuropa und drehte 2006 über einen Zeitraum von 17 Tagen das Drama Katalin Varga.

Es klopft an der Tür. Der Mann öffnet sie. Polizisten! Sie stellen Fragen nach einer Frau namens Katalin Varga und ihrem neunjährigen Sohn, nach ihrem Aufenthaltsort und ob sie denn hereinkommen dürfen, um zu sehen, dass man ihr hier keinen Unterschlupf gewährt. Schnitt. Dieser kurze Prolog leitet Stricklands Film ein und zwingt den Zuschauer bereits dazu, sich ein fragmentarisches Bild von Katalin Varga zu machen. Mehr Fragen als Antworten: Wer ist diese gesuchte Person wirklich und was könnte sie schlimmes getan haben?

Tatsächlich aber beginnt die eigentliche Handlung ein wenig früher und zeigt uns wie Katalin (Hilda Péter) und ihr Sohn Orbán (Norbert Tankó) von ihrem Ehemann hinausgeworfen werden, weil er etwas über ihre Vergangenheit erfahren hat. Mit einem vom Pferd gezogenen Karren machen sich Mutter und Sohn auf den Weg durch die Täler Transsilvaniens, um die angeblich kranke Großmutter zu besuchen. Doch in Wirklichkeit hat Katalin noch eine offene Rechnung, die es zu begleichen gilt.

So beginnt eine Reise durch die wunderschöne Landschaft im Herzen Rumäniens. Sonnenschein fällt auf die Wiesen und Weiden zwischen den bewaldeten Massiven das Karpatengebirges. Was wie eine Kutschfahrt durch die sommerliche Natur anmutet, ist in Wahrheit eine schattenhafte Erzählung über Konfrontation, Wahrheit und Vergeltung. Von einem choralen Soundtrack getragen, der die ansehnlichen Aufnahmen in einen Kontrast zu düsteren Klangteppichen setzt, gibt Katalin Varga früh zu verstehen, dass unter der Oberfläche eine unangenehme Schwärze schlummert. Der wiederholte Blick voller Schrecken in den nebligen Wald, die rituell anmutenden Tänze um das Lagerfeuer, sowie Dorfbewohner und Bauern voller Skepsis, Abweisung und Unbehagen, erzeugen eine mystische, folkloristische Atmosphäre. Der Film wirkt beinahe wie ein zeitloses Märchen. Gäbe es nicht vereinzelte Hinweise wie ein Handy oder eine Baseballcap, könnte das Geschehen genau so gut im Mittelalter stattfinden. Doch sobald Katalin mit Antal (Tibor Pálffy) den Mann konfrontiert, nach dem sie gesucht hatte, und in einem intensiven Monolog endlich ihre Geschichte erzählt, ihre Seele offenbart, wird eines klar: Das abscheuliche Monster, das ihre Träume heimsucht, ist kein übernatürliches Wesen aus den Wäldern, sondern der Mensch selbst.

Es gibt unverzeihliche Taten, die nach gerechten Konsequenzen schreien, doch statt in eine schablonenhafte Rachestory zu verfallen, löst sich Strickland von den Erwartungshaltungen versierter Zuschauer und zeigt, dass sein Film auf subtile und vielschichtige Weise Perspektiven vermittelt, die weder Genugtuung, noch Erlösung versprechen. Manchmal geht das Schicksal andere Wege und zurück bleibt nichts als ein Gefühl der Leere.

Katalin Varga ist ein langsames, kräftiges Drama, von einem Engländer gedreht, mit rumänischen Darstellern, die ungarisch sprechen. Und es funktioniert ganz ausgezeichnet. Osteuropäisches Kino, sicher nicht nur für Fans von Béla Tarr und Andrej Tarkowskij interessant.

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