Die Wand

Die Wand

War das Medium Film vor allem am Anfang seiner Geschichte noch stärker literarisch geprägt, hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts natürlich eine Menge getan. Das filmische Erzählen hat sich, Hand in Hand mit dem technologischen Fortschritt, immer wieder gewandelt, bedeutende Filmepochen sind aufgrund der raschen Entwicklung selten länger als ein Jahrzehnt und für seine Inhalte hat der Film seine eigene Sprache gefunden. Julian Pölslers Die Wand, eine Literaturverfilmung, sträubt sich jedoch dagegen und wirkt narrativ fast schon altmodisch, ja, unfilmisch.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer, erzählt die österreichische Produktion die Geschichte einer Frau (Martina Gedeck), die morgens in einer Jagdhütte in den oberösterreichischen Bergen aufwacht und durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt isoliert ist. Noch am Vorabend hatte sie ihre Freunde zuletzt gesehen, deren Ferienhaus sie nun bewohnt. Ihr bleiben nur ein Hund, eine Katze, eine Krähe und später auch eine Kuh, doch von anderen Menschen fehlt jede Spur. Anfängliche Versuche, die nicht sichtbare Barriere, die in einem weiten Radius um die Hütte verläuft und mehrere Jagdreviere umspannt, zu durchdringen, scheitern und führen zur Resignation. Stattdessen lässt sich die Frau auf das naturverbundene Einsiedlerdasein ein und versucht zu überleben.

Die Erzählstimme in Die Wand kann man getrost wörtlich nehmen. Alles, was die Protagonistin in ihrem abgeschotteten Areal erlebt, kommentiert sie nüchtern aus dem Off, ein Bericht, den sie in kleinen Buchstaben auf das wenige verbliebene Papier niederschreibt. Damit schlägt Regisseur Pölsler wieder den Bogen zum literarischen Ursprung seines Films. Einem Tagebuch nicht unähnlich, werden die Beschwerlichkeiten, mit denen die Frau zu kämpfen hat, bildbegleitend geschildert. In einem dialogarmen Umfeld, in dem Tiere die einzigen Gefährten sind und die Handlung eher langsam voranschreitet, erhält der Zuschauer auf diese Weise die Möglichkeit, den Geistes- und Gemütszustand der Protagonistin zu erfahren.
Dazu gesellt sich auf der Bildebene eine wunderschöne Naturkulisse, die mit ihren imposanten Bergen und weiten Tälern aufgrund ihrer Unerreichbarkeit den krassen Kontrast zwischen sichtbarer Freiheit und spürbarer Gefangenschaft verdeutlicht.

Die Wand ist ein faszinierendes Gedankenexperiment. Formal ebenso reduziert, wie der Inhalt: Der Mensch, isoliert, zurück in die Natur geführt. Martina Gedeck verkörpert die Rolle der namenlosen Protagonistin mit Bravour. Sie gibt ihrer Offstimme zurückhaltende, aber nicht minder ausdrucksstarke Mimik und Gestik, die uns spüren lassen, welche Auswirkungen dieses erschreckende Szenario auf das Individuum haben kann.

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