Onibaba

Onibaba

Man nehme eine buddhistische Parabel, verlege die Geschichte in den japanischen Bürgerkrieg des 14. Jahrhunderts und entferne Buddha. Was bleibt, ist ein vom traditionellen Nō-Theater inspirierter, nihilistischer Film, der die moralischen Abgründe des Menschen aufzeigt ohne die helfende Hand des Glaubens ergreifen zu können; Kaneto Shindōs schwarz-weißer Hybrid aus Kriegsdrama und psychologischem Horror: Onibaba.

Inmitten einer Sumpflandschaft warten eine junge Frau (Jitsuko Yoshimura) und ihre Schwiegermutter (Nobuko Otowa) auf ihren Mann beziehungsweise Sohn Kichi. Da sie nicht in der Lage sind, sie Felder allein zu bestellen, lauern sie im hohen Schilf verletzten Kriegern auf, ermorden sie und verkaufen deren Ausrüstung. Eines Tages kehrt der Nachbar Hachi (Kei Satō) aus dem Bürgerkrieg zurück, doch er ist allein. Kichi ist in der Schlacht gefallen. Während die ältere Frau den Rückkehrer, der wieder in seine alte Hütte zieht, mit Argwohn betrachtet, entsteht eine erotische Spannung zwischen dem lüsternen Hachi und Kichis Witwe. Zu diesem Zeitpunkt kommt eine dämonische Hannyamaske ins Spiel, um jemandem eine Lektion zu erteilen…

Die Maske der Hannya (dt. „bösartige Frau“) gehört zur Theatertradition Japans. Das Nō stammt aus ebenjener Zeit, in der der Film spielt. Die Hauptdarsteller der damaligen Schauspiele waren in der Regel maskiert und die Themen reichten von japanischen und chinesischen Volksmythen über Liebesgeschichten bis hin zu Ungeheuer-Dramen, die sich mit Monstern und Dämonen (dt. „Oni“) beschäftigten. Shindō greift die Motive auf und transferiert das dämonische Element dorthin, wo es entstammt: In das Innere des Menschen.
Onibaba zeigt den moralischen Verfall, den der Krieg mit sich bringt, indem der tägliche Überlebenskampf der Frauen zwischen Existenzangst und Opportunismus von jeglicher Menschlichkeit befreit zu sein scheint. Als dann Hachi auftaucht und etwas animalisches in beiden weckt, das sich in unbändiger Lust und teuflischer Eifersucht äußert, scheint das wahre Monster gefunden zu sein. Wo der Mensch ist, braucht es keine weiteren Dämonen.

Aus dem Kriegsdrama abseits der Schlachtfelder erwächst so etwas wie psychologischer Horror um den menschlichen Trieb. Dabei äußert sich das Gefühl von Dunkelheit nicht nur in der dämonischen Maske, die zum Mittel eigensinniger Zwecke wird. Die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen verwandeln den Sumpf, mit seinem meterhohen Schilf so weit das Auge reicht, sowohl bei Nacht, als auch bei Tag in eine apokalyptische Landschaft. Die Gräser wiegen sich im Wind, wirken mal wie scharfe Klingen, ein anderes Mal wie eine undurchdringliche Wand, die seinen mordenden Bewohnern das perfekte Versteck bietet. In Shindōs Film gibt es keinen Buddha, denn die Sümpfe sind ein gottloses Land. Es gibt keine Vergebung, keine Erlösung. Die Einsicht seiner Taten kann der Mensch nur selbst erkennen, falls es dann nicht bereits zu spät sein sollte.

In seiner Handlungsstruktur ähnelt Onibaba einer klassischen Tragödie. Mit mythischer Motivik und menschlichem Makel vollzieht das Drama dann den Übergang zum Horrorfilm. Am Ende des pervertierten Beziehungsgeflechts fordern die Lügen, die Eifersucht, der finstere Drang schließlich ihren Tribut. Gewissenloses Handeln kennt keine Gewinner. Es gibt nur Scheitern, wie im Krieg.

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