Komm und sieh

Komm und sieh

Ein Film über den Krieg riskiert generell, aufgrund der Angst, seine Protagonisten und die Erzählung nicht genug hervorzuheben, zu einer Darstellung dieses heiklen Themas zu werden, die vielleicht unterhaltsam ist oder gar glorifiziert. Letztlich erwartet der Zuschauer in der Regel eine Hauptfigur, die sich durch die Widrigkeiten kämpft und alle Gefahren erfolgreich übersteht. Bei Filmen wie Der Soldat James Ryan (Steven Spielberg, 1998) soll man mit den Soldaten mitfiebern. Patriotisch, glorreich, heroisch. Doch darf dies überhaupt der Zweck eines solchen Films sein? Bedeutet Antikriegsfilm nicht viel mehr, den Schrecken des Krieges so ungeschönt wie möglich und abseits traditioneller Erzählkonventionen, die dem Vorhaben im Weg stehen könnten, aufzubereiten? Elem Klimows Komm und sieh gibt die Antwort auf diese Frage.

Weißrussland, 1943. Für den 14-jährigen Florian (Aleksej Krawtschenko) ist der Krieg nichts weiter als ein Spiel. Voller Vorfreude, doch gegen den Willen seiner Mutter schließt er sich den Partisanen an, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Aufgrund seines Alters wird er allerdings im Lager zurückgelassen. Nur knapp überleben er und das Mädchen Glascha (Olga Mironowa) einen Bombenangriff. Gemeinsam kehren sie in sein Heimatdorf zurück, nichtsahnend, dass sämtliche Dorfbewohner inzwischen brutal abgeschlachtet wurden. Der Anschluss an eine Gruppe Überlebender hält die Hoffnung nur für kurze Zeit aufrecht, denn der misslungene Widerstand gegen die nationalsozialistischen Invasoren führt nur zu weiteren grausamen Morden an der Zivilbevölkerung.

Was Komm und sieh vom Großteil der Genrekonkurrenz abhebt, ist die Perspektive, die die Hauptfigur Florian und gleichermaßen den Zuschauer zu einer quälenden Ohnmacht zwingt. Der Junge will in den Krieg ziehen, doch dann wird er unverhofft von der Realität eingeholt. Freunde und Familie sterben. Es gelingen weder Vergeltung, noch Flucht; es gibt kein Entrinnen. Hilflos muss Florian die hässliche Fratze des Krieges mitansehen, das Lachen der Nazis, die brennenden Leiber unschuldiger Menschen. Folgerichtig erwächst ein irreparables Trauma. Die Erinnerung an Gräueltaten, die so unmenschlich, aber leider unzweifelhaft wahr sind, wird nie vergehen. Da bekanntlich nur ein geringer Prozentsatz aller Menschen, die vom Krieg betroffen sind, tatsächlich Uniformen trägt und in der Lage ist, Waffengewalt anzuwenden, ist Komm und sieh umso naheliegender und kraftvoller, wenn er sich auf eine Sichtweise konzentriert, die zur Passivität gezwungen ist, für die es keinen Ausweg außer dem Tod zu geben scheint.

Wie eingangs angedeutet, verweigert sich Klimow mit seinem Werk dem klassischen Erzählkino. Es gibt nämlich keine Geschichte zu erzählen, in der sein Protagonist sich ein Happy End erkämpft. Ein vierzehnjähriger Junge kann höchstens beten, nicht zu sterben. Doch selbst dann ist selbstverständlich nichts so wie zuvor. Der Krieg hinterlässt die tiefsten Narben bei all seinen Überlebenden und es handelt sich nicht um Zeichen irgendeines Sieges, sondern um unheilbare Verletzungen der menschlichen Seele. Um das zu erreichen, wird ebenso viel an Brutalität gezeigt, wie es an anderen Stellen nur angedeutet wird. Eines ist jedoch immer präsent: Der psychologische Horror, ja pure Terror, den der filmgewordene Alptraum hervorruft. Schonungsloser kann ein Antikriegsfilm kaum sein.

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