Snowpiercer

Snowpiercer

Wenn Produzent Harvey Weinstein einen Film für den US-Markt um satte 25 Minuten kürzen möchte, weil er das amerikanische Publikum nach eigenen Angaben für zu dumm hält und um die Einträglichkeit dieses Films fürchtet, lässt das Filmfans aus gutem Grund aufhorchen. Bei dem fraglichen Film handelt es sich um Snowpiercer, das neue Werk des koreanischen Regisseurs Bong Joon-ho. Dieser war mit dem geplanten Eingriff allerdings ganz und gar nicht einverstanden. Das Resultat: Anstelle eines flächendeckenden Kinostarts läuft sein Film in den USA nur in wenigen, ausgewählten Lichtspielhäusern, dafür jedoch – und das ist das Gute – unangetastet in seiner vollen Länge statt zur Blockbustertauglichkeit verstümmelt worden zu sein.

Im Jahr 2031 ist gesamte Welt von einer dicken Eisschicht überzogen, das Ergebnis eines fehlgeschlagenen Versuchs, die globale Erwärmung zu stoppen. Die wenigen Überlebenden fahren seit nunmehr 17 Jahren mit dem Snowpiercer, einem kolossalen Zug um den Planeten und haben einen festen Platz im mikrokosmischen Kastensystem eingenommen, das diese isolierte Gesellschaft kennzeichnet. Curtis (Chris Evans) plant jedoch eine Revolution, um die Verhältnisse ein für allemal umzustürzen, denn während die Menschen im slumähnlichen Zugabschnitt der hinteren Waggons hungernd und zusammengepfercht ihr Dasein fristen, lebt die Oberschicht um den gottgleichen Erbauer des Zuges, Wilford (Ed Harris), im sorgenfreien Genuss.

Bong erzählt eine Geschichte über die Privatisierung der Gesellschaft, über Technizismus, den Ausbruch aus Strukturen und moralische Verantwortung. Dass sein dystopisches Szenario in einem begrenzten und geschlossenen Raum stattfindet, ist wohl eine der größten Stärken von Snowpiercer. Das simple Grundprinzip des Aufstands gegen die Obrigkeit und des in diesem Fall damit verbundenen Fortschreitens im Zug, Waggon für Waggon nach vorn, ermöglicht – komprimiert und fokussiert – einen detaillierten Blick auf ein Gesellschaftsbild, der ansonsten im zeitgenössischen Science-Fiction-Kino leider viel zu selten gewährt wird. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass sich der Film trotz seiner spannungsgeladenen Actionsequenzen immer wieder Zeit für seine Figuren nimmt. Weinstein wollte aus Snowpiercer ein geradliniges Spektakel ohne Verschnaufpausen schneiden, doch Bongs Intention, das Erzähltempo an entscheidenden Stellen zu drosseln, kommt der Charakterentwicklung und somit der emotionalen Kraft seiner Handlung natürlich zugute. So entstand folgerichtig eine gewagte Genrekombination, die gekonnt zwischen brachialer Gewalt, menschlichem Drama und bissiger Satire wechselt. Ein ähnlicher Spagat gelang ihm bereits mit dem etwas anderen Monsterfilm The Host (2006).

Schön ist auch, um nun auf die Ästhetik des Films zu sprechen zu kommen, dass die düstere Zukunftsvision weit davon entfernt ist, sich farblos zu präsentieren. Ist das Geschehen in den dreckigen hinteren Waggons noch in eine grau-braune Palette getaucht, eröffnen sich Curtis und seiner Widerstandstruppe bald Abschnitte, die nicht nur bei ihm Staunen auslösen. Der Snowpiercer beherbergt Gärten, Aquarien, Schwimmbäder, Saunen, Discotheken und sogar knallbunte Schulklassenzimmer. Der Abwechslungsreichtum des Setdesigns passt ausgezeichnet zum System, dem, was es propagiert und seinen mitunter skurrilen Verfechtern. Überspitzt und doch klasse auf den Punkt gebracht.
Was die Action anbelangt, sobald die Aufständigen auf Wilfords Schergen treffen: Das ist souverän in Szene gesetzt und gewinnt aufgrund der räumlichen Enge eine unglaubliche Intensität. Zu bemängeln ist sicherlich der CGI-Einsatz, der sich hauptsächlich auf die Außenaufnahmen des Zuges und der ihn umgebenden Eiswüste beschränkt. Aufgrund eines im Vergleich mit Hollywoodproduktionen nur mittleren Budgets, muss man dort kleine, aber nicht ernsthaft störende Abstriche in Kauf nehmen.

Irgendwo zwischen Sci-Fi-Action, Gesellschaftskritik und tragischem Drama schüttelt Bong Joon-ho mal eben seinen ersten englischsprachigen Film und für umgerechnet 40 Millionen Dollar die zugleich teuerste koreanische Produktion aller Zeiten aus dem Ärmel. Snowpiercer ist eine irre Fahrt durch eine post-apokalyptische Welt mit Ecken, Kanten und reizvollen Ideen. Bitte einsteigen!

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