American Mary

American Mary

Inzwischen hat sich das Horrorgenre nahezu aller erdenklichen Themen angenommen. Umso schöner ist es da, auf frische, unverbrauchte Ideen zu stoßen. Die willentliche Modifizierung des eigenen Körpers ist eine davon. Tatsächlich existiert eine in den Augen vieler wohl fremdartige Subkultur von Menschen, die nach immer bizarreren operativen Leibesveränderungen aus ästhetischen Gründen strebt. Die kanadischen Zwillingsschwestern Jen und Sylvia Soska inszenierten daraufhin einen faszinierenden, kleinen Horrorthriller namens American Mary, um die Gore- und Schockwerte dieses außergewöhnlichen Körperkultes zu ergründen.

Mary (Katharine Isabelle) ist Medizinstudentin im Bereich der Chirurgie, wissbegierig und mit einem Hang zum Morbiden, aber vor allem eines: Immer knapp bei Kasse. Um sich ihr Studium also weiterhin finanzieren zu können, bewirbt sie sich als Stripperin in einem zwielichtigen Nachtclub. Dort kommt es jedoch zu einem unglücklichen Zwischenfall, der weniger ihre weiblichen Reize, sondern ihr chirurgisches Geschick erfordert. Clubbesitzer Billy (Antonio Cupo) erkennt diese unerwarteten Fähigkeiten an und ehe sie sich versieht, wird Mary zu einer gefragten Ikone der Body-Modification-Szene. Die Kunden stehen Schlange und haben sonderbare Anfragen wie das Hinzufügen von Hörnern, das Entfernen von Genitalien und weitere groteske Hack-, Säge- und Näharbeiten, denen sich die Medizinstudentin nur zu gerne widmet, ohne sich bewusst zu machen, welche Konsequenzen ihr neuer Nebenjob mit sich ziehen könnte.

Was wie ein irres, aber stimmungsvoll in Szene gesetztes Kabinett der Körperkunst anmutet, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einer Rachegeschichte mit Mary als vermeintlich starke Frauenfigur im Mittelpunkt. Die unverbrauchte Grundidee bietet so einige Möglichkeiten, Körperlichkeit im Horrorfilm neu zu beleuchteten. Blut, Fleisch und die attraktive Mary als Charakter, der eben keine Opferrolle einnimmt, sondern im weiteren Verlauf unzweifelhaft zum Täter wird. Leider bleibt die Motivation hinter Marys Handeln durchgehend zweckmäßig; eine nähere Betrachtung des Menschen dahinter liegt nicht im Interesse der Regisseurinnen. Das tut der Unterhaltung keinen Abbruch, wenn man sich mit dem zufrieden geben kann, was American Mary sein will. Es gibt einige intellektuelle Ansätze zur Frauenrolle im Genrefilm, als auch generell in der gegenwärtigen Gesellschaft, sowie der Vorstoß in eine Subkultur der bewussten Verstümmelung, die die Grenzen zwischen Körperverletzung und verrücktem Schönheitswahn verschwimmen lässt. Doch es bleibt bei bloßen Ansätzen, denn um eine Fortführung der angerissenen Gedanken oder eine ernsthafte Anregung des Zuschauers zu einer geistigen Eigenleistung bemüht sich der Film zu keinem Zeitpunkt.

So ist American Mary letztendlich nicht mehr als ein einfach gestrickter Horrorthriller mit kreativem Grundgedanken und wenig neuartigem Racheplot, dessen Hauptfigur blasser ist, als erhofft. Genrefans dürfen dennoch getrost zugreifen. Eine gewisse Spannung lässt sich nicht leugnen und visuell muss sich der Film nichts vorwerfen, doch schade um das vergebene Potential, weil die Soska-Schwestern nicht konsequent genug waren. Vielleicht ist das auch zum Teil dem niedrigen Budget und den lediglich 15 Drehtagen geschuldet, die der Filmcrew zur Verfügung standen. Nichtsdestotrotz: Ein durchaus sehenswerter Film für all jene, die gerne dabei sein möchten, wenn sich Mary in heißen Outfits durch die Leiber ihrer Kunden schneidet.

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