Die Farbe

Die Farbe

In der Horrorliteratur ist Howard Phillips Lovecraft ohne Zweifel eine der prägenden Ikonen seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Der Einfluss seines Cthulhu-Mythos und des Subgenres Cosmic Horror reicht bis in die Gegenwart; seine Ideen finden sich in zahlreichen Filmen, Romanen, Comics und Videospielen wieder. Wenn es jedoch nicht nur um Inspiration, sondern um direkte Werkadaption geht, gelten die bisherigen Lovecraft-Verfilmungen weithin als gescheitert. Wenn die Filmemacher kein Gefühl für die Vorlage entwickeln und aus atmosphärischem Grusel eher liebloser Splatter wird, sind die Leser des großen Horrorautoren berechtigterweise enttäuscht. Die Sehnsucht nach einer sehenswerten Adaption kann jedoch endlich ein erhebliches Stück weit gestillt werden, interessanterweise durch einen Film aus Deutschland: Huan Vus Low-Budget-Projekt Die Farbe.

Basierend auf der 1927 verfassten Kurzgeschichte The Colour out of Space erzählt der Film von einem Meteoritenabsturz und einer geheimnisvollen, undefinierbaren Farbe. Die Handlung beginnt in Arkham im Jahr 1975, wird anschließend jedoch nach Deutschland verlegt, als sich der Amerikaner Jonathan Davis (Ingo Heise) in den Schwäbisch-Fränkischen Wald aufmacht, seinen verschwundenen Vater zu finden, der dort nach dem zweiten Weltkrieg stationiert war. Im Gespräch mit dem verschrobenen Einheimischen Armin Pierske (Michael Kausch) erfährt er von den unglaublichen Geschehnissen, die sich in den 30er Jahren im Tal zutrugen, als ein Meteor neben dem Hof der Familie Gärtener einschlug.

In Rückblicken begleitet der Zuschauer den jungen Pierske (Marco Leibnitz), der die Geschichte um seinen Freund Nahum Gärtener (Erik Rastetter) und dessen Familie aus nächster Nähe miterlebt hat. Das Gestein – oder besser – Metall aus dem All gibt den Wissenschaftlern Rätsel auf, die Ergebnisse der Analysen erweisen sich als wenig hilfreich. Doch der Effekt des Meteoriten auf die umliegende Flora und Fauna sollte sich in den nächsten Monaten zeigen. Die Früchte wachsen zwar auf ein Vielfaches an, aber die Ernte offenbart den bitteren Geschmack. Im Herbst des selben Jahres verliert die Vegetation schließlich ihre Farbe und stirbt ab. Fortan machen sich schleichende und zugleich unheimliche Veränderungen bei der Familie Gärtener bemerkbar…

Auch wenn Regisseur Vu ein paar kleine Anpassungen vorgenommen hat, wie die Verlagerung des Handlungsortes oder das Streichen des ein oder anderen Details, bleibt sein Film der Vorlage erstaunlich treu. Das Wichtigste hierbei ist selbstverständlich eine unbehagliche Atmosphäre zu erschaffen, die dem Gefühl von mysteriösem Horror gerecht wird, das H.P. Lovecraft mit seinen Geschichten beim Leser zu erzeugen beabsichtigte. Wo die Literatur mittels Andeutungen einiges der Fantasie überlassen kann, kommt der Film zwangsläufig nicht umhin, als visuelles Medium etwas zu zeigen. Doch, der Meteorit, die undefinierbare Farbe, die er mit sich bringt und deren Auswirkungen auf ihre Umwelt werden dem Zuschauer nie plump entgegen geschleudert. Der Film bewahrt sich seine rätselhafte, bedrohliche Atmosphäre durch den subtilen Einsatz seiner Horrorelemente. Ganz allmählich dringt der Schrecken an die Oberfläche, um sich auszubreiten. Das Schema F zeitgenössischen Hollywood-Horros sucht man hier glücklicherweise vergeblich.

Ein besonderer Kniff ist die Idee, den Film komplett in schwarz-weiß zu drehen, um durch dosierten Farbeinsatz die Fremdartigkeit der außerirdischen Substanz noch intensiver zu gestalten. Der unwirkliche, violette Schimmer aus dem All, der sich jedem Ton des graustufigen Spektrums entzieht, ist für Figuren und Zuschauer gleichermaßen faszinierend wie verstörend. In Verbindung mit dem immer bedrohlicher werdenden Soundtrack, erzeugt Die Farbe ein stimmiges Horror-Feeling, das nicht nur für Kenner der Vorlage interessant sein dürfte. Zwar kann der Film sein überschaubares Budget – vor allem in den Anfangsszenen – nicht leugnen, doch wenn ein Filmemacher mit genügend Enthusiasmus und Kenntnis der Materie wie hier zu Werke geht, kann sich das Endprodukt auf alle Fälle sehen lassen.

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