Godzilla

Godzilla

Der kürzlich im Kino angelaufene zweite Versuch, Godzilla in einem amerikanischen Setting auf die Menschen loszulassen, ist für einige junge Kinobesucher die erste Begegnung mit der kultigen Riesenechse. Dabei tobt Japans Lieblingsfilmmonster schon seit nunmehr sechzig Jahren durch die Städte. Seinen ersten Auftritt hat Godzilla im gleichnamigen Klassiker von Ishirō Honda.

Die Ausgangssituation ist schnell erklärt: Vor der Küste der japanischen Insel Odo werden Fischerboote angegriffen und zerstört, doch das einzige worüber die wenigen Überlebenden berichten können, ist ein geheimnisvolles Licht, das aus den Tiefen des Ozeans hervorgekommen zu sein scheint. Daraufhin schickt sich ein Forschertrupp um Professor Yamane (Takashi Shimura) an, herauszufinden, was es mit diesen Geschehnissen auf sich hat. Auf der Insel stoßen sie am Folgetag eines schweren Sturms auf riesige radioaktive Fußabdrücke. Kurz darauf erschüttert ein fremdartiges Gebrüll Mark und Bein, denn hinter den Hügeln jenseits des Dorfes zeigt sich ein durch Mutation auf über fünfzig Meter angewachsener Dinosaurier, der fortan die ganze Nation in Angst und Schrecken versetzen sollte: Godzilla!

Was folgte, ist Geschichte. Godzilla löste eine bis heute ungebrochene Popularität des Genres der Kaiju Eiga (dt. etwa „Monsterfilme“) aus, die unzählige weitere Filme mit Godzilla, aber auch mit zahlreichen anderen Monstern wie beispielsweise der Riesenmotte Mothra oder der gigantischen Schildkröte Gamera nach sich zog. Doch Hondas Film will mehr sein als blinde Zerstörungswut und spektakuläre Action. Dieser Auftakt der Reihe versteht sich nicht nur als Katastrophenfilm, sondern auch als gesellschaftliches Drama, das Fragen nach moralischer Verantwortung stellt und sich dem Trauma nach den Atombombenabwürfen auf Nagasaki und Hiroshima als metaphorischer Verarbeitungsprozess annähert.
Bei aller Gefahr, die ein durch die Straßen trampelnder Riesensaurier so mit sich bringt, ist eben auch stets das menschliche Handeln im Fokus. Unterseeische Nukleartests haben Godzilla schließlich erst den Weg an die Meeresoberfläche ungewollt freigesprengt. Verhält man sich ethisch korrekt und vermittelt man diese Information der Öffentlichkeit oder verschweigt man diese Tatsache? Der Stand der Dinge, das Abwägen der Möglichkeiten, Godzilla bleibt allgegenwärtig immer auch eine Diskussion über das Verantwortungsbewusstsein als Gesellschaft, als Spezies Mensch, und dringt damit weit tiefer, als man es heutzutage von einem Monsterfilm erwarten würde.

Aber selbstverständlich werden diese ruhigen Momente der strategischen Überlegungen und des moralischen Zwiespalts immer wieder von den Attacken Godzillas durchbrochen. So gehört es sich eben! Dass die Spezialeffekte bei diesen Actionsequenzen aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet sind, sollte niemanden überraschen. Da hilft nur, sich als Zuschauer damit zu arrangieren und sich in den Kontext der seinerzeit technischen Möglichkeiten hineinzuversetzen. Ist man in der Lage, die respektable Detailarbeit anzuerkennen, kommt auch so etwas wie ein Gefühl der Bedrohung auf. Natürlich stapft Haruo Nakajima letztlich im Godzilla-Gummikostüm durch eine Modellnachbildung Tokyos, doch der trashige Charme, der seiner Darstellung sechzig Jahre später anhaftet, muss der Atmosphäre des Inhalts nicht zwangsläufig im Weg stehen. Im Gegenteil, das Ausmaß der Tragödie ist deutlich spürbar, wenn die Verletzten in den Krankenhäusern gezeigt werden, wenn verzweifelte Menschen in ihrer letzten Hoffnung zu Gott beten und unschuldige Kinder einen traurigen Chor anstimmen.

Wer sich dennoch abgeschreckt fühlt und sich nicht an die Anfänge wagt, verpasst so einiges, denn Ishirō Hondas Godzilla ist Kult, unzweifelhaft filmhistorisch relevant und vor allem unheimlich gutes Monsterkino!

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