Magic Magic

Magic Magic

Eigentlich sollte es nur ein entspannender Kurzurlaub werden, doch Sebastián Silva webt einen subtilen Psychothriller um Hauptdarstellerin Juno Temple und ihren Trip nach Chile. Ganz schleichend entfaltet sich der Alptraum im atmosphärisch dichten Magic Magic, der Michael Cera – sonst eher als Witzfigur aus zahlreichen Komödien bekannt – in ganz neuem, ungewöhnlich düsterem Licht erscheinen lässt.

Alicia (Juno Temple) macht sich mit ihrer Cousine Sarah (Emily Browning) auf, um die freien Tage ganz unaufgeregt in einem Haus an der chilenischen Küste zu verbringen. Ein wichtiger Anruf zwingt Sarah jedoch, die verunsicherte Alicia bereits kurz nach der Abfahrt allein mit ihren Freunden Agustín (Agustín Silva), Barbara (Catalina Sandino Moreno) und Brink (Michael Cera) zurückzulassen. Insbesondere letzterer wirkt aufgrund seiner unbeholfenen Annäherungsversuche äußerst befremdlich und da sich zwischen Alicia und Barbara bereits während der langen Autofahrt eine gewisse Spannung bildete, werden die folgenden Tage ohnehin alles andere als angenehm. Als sich Alicias Geisteszustand nach körperlichem Unwohlsein, Panikattacken und schlaflosen Nächten sichtlich verschlimmert, versucht sich Agustín an Hypnose als Mittel, Alicia ihre innere Ruhe wiederfinden zu lassen, nichtsahnend, dass er damit mentale Türen aufstößt, die besser geschlossen geblieben wären.

In Magic Magic steckt der Horror ganz wörtlich im Detail, in Kleinigkeiten, deren bedrohliche Natur selbstverständlich eine Frage der Wahrnehmung ist. Dabei steht eine Szene, in der Alicia zum Sprung von einer Klippe ins Meer angetrieben wird, von allen anderen, die den harmlosen Sturz in die Fluten bereits absolviert haben, sinnbildlich für die mehr als bloß unbequemen Druck- und Stresssituationen, denen sie sich ausgesetzt sieht, für die Risse, die die ungewohnte Umgebung in ihren Gedanken bildet. Dabei erinnert die streng subjektive Erzählperspektive unweigerlich an Roman Polańskis Ekel (1965), der sich ähnlich dem geistigen Zerfall und einer daraus resultierenden gestörten Wahrnehmung widmet. Ein sehr persönliches Unbehagen, das uns auch in Filmen wie Inland Empire (David Lynch, 2006) und My Son, My Son, What Have Ye Done (Werner Herzog, 2009) widerfährt. Wie auch dort verweigert sich in Silvas Film die Frage nach der Wirklichkeit der eindeutigen Beantwortung. Die Welt durch Alicias Augen scheint ihrer Schönheit beraubt; Kamera und Licht lassen die ruhigen Sequenzen vom Meer, vom Haus, von der Flora und Fauna bereits bei Tageslicht irritierend oder gar unheimlich erscheinen. Die ländliche chilenische Idylle wird zum engen Käfig, zur sonderbaren Antithese der eigentlichen Bedeutung des ursprünglich geplanten Urlaubs.

Einmal mehr stürzt sich Juno Temple in eine gewagte Rolle, die absolute Hochachtung verdient. Nach ihrer verstörenden Nebenrolle in Killer Joe (William Friedkin, 2011) beweist die Schauspielerin erneut, dass sie sich nicht scheut, ans Äußerste zu gehen und sich körperlich wie geistig zu entblößen, um die dunkelsten Teile der Seele zu illustrieren. Darüber hinaus überrascht Silva mit seiner Besetzung von Michael Cera erstaunlich positiv, indem er ihn entgegen seiner ihm fast schon untrennbar anhaftenden Comedyfiguren einen zwielichtigen Charakter spielen lässt, der nicht nur bei Alicia ein mulmiges Gefühl hervorruft.

Irgendwo zwischen Psychothriller und subtilem Horror zeichnet der chilenische Regisseur ein finsteres, kleines Porträt von psychischem Zerfall, das ganz ohne plakativen Schockfaktor auskommt. Hat man zunächst den Eindruck, der Film wisse nicht so genau, wo er hin möchte, gewinnt die Handlung in der zweiten Filmhälfte an Intensität bis hin zum radikalen Ende, das zwar nicht sämtliche Fragen beantworten kann, doch den Zuschauer mit einer Gewissheit hinterlässt, dass es tief im Inneren eine unfassbare Schwärze gibt, die sich von keinem Licht der Welt verdrängen lässt.

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