Der eiskalte Engel

Der eiskalte Engel

„Es gibt keine größere Einsamkeit als die eines Samurai, außer vielleicht die eines Tigers im Dschungel.“ – Bushidō (Buch der Samurai)

Mit diesem fiktiven Zitat beginnt Jean-Pierre Melvilles einflussreiche Interpretation des Film-Noir-Genres Der eiskalte Engel aus dem Jahr 1967, international eher unter dem wohlklingenderen Originaltitel Le samouraï bekannt, und erzählt die Geschichte eines stoischen Antihelden, der bis heute Filmemacher und ihre Figurenzeichnung inspiriert, wie nicht zuletzt Ryan Goslings Darstellung in Nicolas Winding Refns Drive (2011).

Die Eröffnungssequenz kommt – wie viele Szenen des Films – ohne ein gesprochenes Wort aus. In einem zwielichtigen, nur mit wenigen Möbeln ausgestatteten Apartment erwacht Jef Costello (Alain Delon) und kleidet sich in seinen ikonischen Trenchcoat unter dem schneidigen Fedora. Er stiehlt in aller Seelenruhe am helllichten Tag ein Auto, fährt damit in eine abgelegene Garage, lässt sich von einem Mechaniker wortlos die Nummernschilder austauschen, nimmt eine Pistole entgegen, sucht einen Nachtclub auf und erschießt den Besitzer. Es ist der Alltag eines Killers, der mit mechanischer Ruhe seinem Tagwerk nachgeht, bis ihn der Verrat seiner Auftragsgeber in Lebensgefahr bringt, sodass ihm daraufhin Pariser Polizei und Unterwelt gleichermaßen auf den Fersen sind.

Zwar orientiert sich Der eiskalte Engel zweifellos am Hollywood’schen Crime Thriller, war Melville schließlich ohnehin nie der Typ Regisseur, um ähnliche Pfade wie die Nouvelle Vague zu beschreiten, doch entwickelte er seinen eigenen unverkennbaren Stil. Die Leinwand, die ihm die motivischen Studien seiner Inspirationsquellen präsentierten, ist voll mit etablierten Plot- und Figurenelementen seiner klassischen Vorbilder; der Pinsel, den Melville führt – die Kamera, versteht sich – ist jedoch einer, der hinzufügt, indem er entfernt. Melvilles Film besticht durch bewusste Auslassungen, eine Art elliptische Kunstfertigkeit, denn wo andere Genrevertreter die ploteigene Dramatik in Actionsequenzen ausdrücken, hält sich Der eiskalte Engel zurück. Melville setzt seine Konfliktlösungen mit Bedacht ein, durch seine Hauptfigur stets sachlich, stets gelassen. Effekthascherei und Melodramatik gibt es nicht. Mit äußerster Präzision konzentriert sich Melville auf das Wesentliche. Der Plot, auf das Nötigste verdünnt und fast abstrahiert, scheint dadurch beinahe seiner Tiefe beraubt, doch diese ergibt sich aus der Figur des Jef Costello, jenem kalten Auftragsmörder, dessen Wesen sich Plotstruktur und visuelle Gestaltung voll und ganz fügen, ja eine Sprache erzeugen, die dem Zuschauer diesen verschlossenen, wortkargen Protagonisten näher bringen. Mit emotionsloser Miene drückt Alain Delon in all seiner Coolness jene trüben Fenster zur Seele aus, in die Costello niemanden blicken lässt. Der Mann folgt einem strengen Code wie die titelgebenden Samurai des alten Japan, Prinzipien, die von äußeren Umständen zu jeder Zeit unberührt bleiben. Ist ein Samurai jedoch ein ehrenvoller Krieger, der niemals Geld als höchste Motivationen betrachten würde, kann Costello damit nicht dienen. Ihm bleibt lediglich die strikte Loyalität seiner eigenen Grundsätze gegenüber.

In dieser Gefühlskälte, der Sachlichkeit und der Effizienz vollendet Melville schließlich die Verbindung von Form und Inhalt, wenn keine Szene überflüssig ist, wenn Dialoge selten und nur dort stattfinden, wo die Handlungen der Personen in ihrer Ausdrucksfähigkeit an Grenzen stoßen, wenn Kamera und Montage keinen extravaganten Spielereien erliegen, wenn die Farbgebung in Grau- und Blautönen wirkt, als habe der Regisseur sämtliche Kulissen zum Spiegel des Innenlebens seines Protagonisten werden lassen.

Es ist Film Noir, aus den USA entnommen und mit feinem Gespür europäisiert. Von jeglichem Drumherum befreit, ist Melvilles Absicht nicht, das Genre in seiner vielfältigen Breite zu erfassen, sondern sich rigoros auf die Essenz zu konzentrieren, was wohl in kaum einem Film als derart gelungen bezeichnet werden kann wie in Der eiskalte Engel.

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