Amer

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Auch wenn die Glanzzeit vorbei ist, müssen Genreliebhaber nicht verzagen und dürfen sich seit einigen Jahren über interessante Neuinterpretationen des Giallo freuen. Der Film Amer der französischen Filmemacher Hélène Cattet und Bruno Forzani darf in gewisser Weise ebenfalls zu jenen Neo-Gialli gezählt werden, denen unter anderem Masks (Andreas Marschall, 2011), der den Giallo kunstvoll nach Deutschland verlagert, und Berberian Sound Studio (Peter Strickland, 2012), der mit der Betrachtung von Entstehungsprozessen an Metaebenen gewinnt, zugehörig sind. Wie ihre zeitgenössischen Genrekonkurrenten ist die belgisch-französische Koproduktion jedoch ebenfalls mit einer Besonderheit versehen, in diesem Fall mit der radikalen Reduktion des Plots und der enorm auf subjektive Reize fokussierten Innensicht der Protagonistin.

Bereits ganz zu Anfang weist ein Shot, der im dreigeteilten Splitscreen drei scheinbar verschiedene Augenpaare zeigt, auf die narrative Struktur von Amer hin: Der Film behandelt drei Momentaufnahmen aus dem Leben der jungen Ana.
Als Kind versteckt sie (gespielt von Cassandra Forêt) sich im Haus vor der hexenhaften Bediensteten im Elternhaus. Als sie im Zimmer, in dem ihr verstorbener Großvater aufgebahrt wird, dessen starrem Griff mit Gewalt eine Taschenuhr entreißt und einen der Finger des Leichnams abbricht, wird sie von sonderbaren, furchteinflößenden Vorfällen geplagt, bei denen eine hexenhafte Bedienstete mit schwarzem Schleier eine Rolle zu spielen scheint.
Das zweite Plotsegment handelt von der jugendlichen Ana (Charlotte Eugène Guibeaud) und ihrer aufkommenden Sexualität, die sie bei einem sommerlichen Spaziergang in der französischen Provinz vor einer Gruppe Biker zur Geltung kommen lässt, als sie einen Moment von ihrer Mutter allein gelassen wird.
Im dritten Teil des Films kehrt die erwachsene Ana (Marie Bos) zum heruntergekommenen Elternhaus zurück. Dort scheint sie jedoch nicht allein zu sein; eine mysteriöse Gestalt mit schwarzen Handschuhen macht Jagd auf sie und trachtet ihr nach dem Leben.

Prinzipiell ist dieser Film eine ganze Parade an unterschiedlichen Sinneseindrücken. Cattet und Forzani bedienen sich der zahlreichen Stilmittel das Giallo und zeichnen damit das Innenleben einer Frau in drei Stufen auf die Leinwand. Die Angst des Kindes wird von selektiv verstärkter Beleuchtung begleitet, die sich auf stark kontrastierte Blau-, Rot- und Grüntöne konzentriert. Die primärfarbenen Sequenzen spiegeln die unbehagliche Fremdartigkeit ihrer Wahrnehmung passend wieder. Dazu zieht sich, wenn auch sehr ausgewählt eingesetzt, ein treibender – natürlich ziemlich italienischer – Soundtrack durch die Bilder, bei denen nicht mit extremen Close-Ups von Augen oder Lippen gegeizt wird. Stets ganz nah an der Person, werden so auch die Neugier, das sexuelle Erwachen und die anschließende verwirrte Enttäuschung der jungen Ana spürbar. Das Sounddesign unterstützt das Spiel der Reize, indem auch mal angesichts der überwiegenden Abwesenheit von Dialogen derart unscheinbare Dinge wie ein leiser Windhauch, der den Rocksaum umweht hörbar wird.

Wem bereits der klassische Giallo zu viel style over substance ist, der könnte bei Amer möglicherweise das ein oder andere Mal die Augen verdrehen. Das Regieduo ist hingebungsvoll bemüht, jede Sequenz zu einem kleinen Kunstwerk werden zu lassen. Fühlt sich das sehr prominente Zusammenspiel von Bild und Ton mit bemerkenswertem Schnitt zu verspielt an, bleibt wohl nicht mehr viel übrig, denn eine Handlung abseits der ganz persönlichen, oftmals wie ein reiner Gefühlsstrom inszenierten Geschichte Anas gibt es nicht. Spricht man bei diesem Film von einem Neo-Giallo, so kann dies allerdings nur auf der rein handwerklichen Ebene der ästhetischen Gestaltung geschehen. Inhaltlich hat Amer weit mehr mit der zügellosen Experimentierfreudigkeit des Avant-Garde-Films gemein, eine künstlerische Machart, die traditionell eher kleine Kreise anspricht. Ist man jedoch bereit, auf die sonst so giallotypischen Thrillerplots zu verzichten und sich auf diese audiovisuell überaus stilsichere Wahrnehmungscollage einzulassen, bekommt man ein eindrucksvolles Werk geboten, das ganz in seiner unbändigen Form aufgeht.

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