Nightcrawler

Nightcrawler

Dan Gilroy war bisher hauptsächlich als Drehbuchautor tätig, unter anderem für The Fall (Tarsem Singh, 2006) und Das Bourne Vermächtnis (Tony Gilroy, 2012). Nun führte er das erste Mal selbst Regie und ließ mit Nightcrawler direkt einen finsteren Thriller über Los Angeles‘ Newsbusiness auf die Welt los.

„If it bleeds it leads.“

Dass L.A. entgegen ihres Namens keine Stadt der Engel ist, ist kein Geheimnis. Die Kriminalitätsrate in der zweitgrößten Stadt der USA ist so hoch, dass zahlreiche Nachrichtensender offenbar gar nicht anders können, als die abscheulichsten Verbrechen für ihre Sensationsnews zu nutzen. Je erschreckender und blutiger die News, desto mehr Zuschauer schalten ein. Unfälle sind natürlich ebenfalls gern gesehen. Opportunist Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) scheint passend dazu seine Profession entdeckt zu haben; als selbstständiger Videojournalist hört er den Polizeifunk ab und macht sich anschließend mit seiner Kamera auf, um den Sendern spektakuläre Aufnahmen zu liefern und satte Beträge zu kassieren. Problematisch wird es allerdings, wenn Lou beginnt, Tatorte für bessere Bilder zu präparieren und Informationen gegenüber der Polizei zurückzuhalten, um sich das Potential für mehr Videomaterial offen zu halten.

Auch Rene Russo als moralbefreite Newsdirektorin Nina und Bill Paxton in der Rolle des nicht allzu sympathischen Konkurrenten ändern nichts daran, dass Nightcrawler im Grunde eine fulminante One-Man-Show ist. Es ist die Geschichte des Soziopathen Lou Bloom, der sich mit illegaler Materialbeschaffung und dessen Weiterverkauf über Wasser hält, bis er jene Möglichkeit entdeckt, eine neue Karriere zu verfolgen. Und einmal auf etwas fokussiert, hält ihn so schnell nichts mehr auf, vor allem keine Gewissensfragen. Online-Businesskurse, der stete Wille nach maximaler Selbstoptimierung und ein zielgerichtetes, doch wenig empathisches Denken stecken hinter seinem unheimlichen Lächeln und den manischen Blicken. Für die perfekten Aufnahmen nimmt er alles in Kauf, während er seine Mitmenschen lediglich entweder als Aufstiegsmöglichkeiten wahrnimmt oder als Hindernisse, die seinem erfolgsorientierten Bestreben im Weg stehen. Gyllenhaals Verkörperung dieses besessenen Widerlings ohne Mitgefühl kann gar nicht hoch genug gelobt werden und wird vielerorts nicht umsonst als die vielleicht beste Leistung seiner Karriere gehandelt. Mal schleimig, höflich und gleichermaßen creepy, dann wieder mit wahnhaftem Tunnelblick, den Fokus seiner Kamera unbeirrt auf die blutigsten Stellen eingestellt.

So bewegt sich Gilroys Film zwischen bissiger Mediensatire, die das sensationslüsterne Gesicht des Nachrichtengeschäfts noch einmal in aller Deutlichkeit offenbart, und verstörendem Psychothriller, der ein pervertiertes Bild vom American Dream zeichnet; die Aufstiegsstory eines selfmade Man, der unmenschlicher kaum sein könnte. Präsentiert wird das zumeist nächtliche Los Angeles in toller Optik, immer ganz nah am Geschehen wie Lou Bloom. Obwohl der Film seine Spannungsmomente nun weniger aus reinen Actionsequenzen schöpft, lassen sich dennoch ein, zwei davon im Plot finden, die dafür umso rasanter inszeniert sind. Hauptsächlich aber ist Nightcrawler der spannende Blick über die Schulter eines Protagonisten, der jegliche Identifikation verweigert, doch gleichzeitig eine unheimliche Faszination ausübt, der man sich nicht entziehen kann, ganz so, wie man dazu bei ähnlich gnadenlos erfolgshungrigen, gewissenlosen Egozentrikern wie Daniel Plainview aus There Will Be Blood (Paul Thomas Anderson, 2007) ebenfalls nicht in der Lage ist.

Nightcrawler ist letztlich nicht nur das beeindruckend starke Regiedebüt von Dan Gilroy und die oscarreifste Darstellerleistung des ohnehin sehr gefragten Jake Gyllenhaal, sondern möglicherweise auch ganz einfach der beste Film des Jahres.

„I think Lou is inspiring all of us to reach a little higher.“

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