Eden Lake

Eden Lake

Zeitgenössisches britisches Genrekino, das seine Zuschauer in abgründige Realitäten entführt, ist im Aufschwung. Ob intelligente Science-Fiction wie Moon (Duncan Jones, 2009) und zuletzt Under the Skin (Jonathan Glazer, 2013) oder etwas anderer Horror mit Werken wie Kill List (Ben Wheatley, 2011) und Berberian Sound Studio (Peter Strickland, 2012), der Output, der uns von der Insel erreicht, ist qualitativ hoch. Auch James Watkins reiht sich in jene jungen Regisseure ein, die finstere filmische Welten auf die Leinwand bringen. Ist sein zweiter Spielfilm Die Frau in Schwarz (2012) eine gruselige, viktorianische Schauergeschichte, geht es im folgenden um sein Regiedebüt Eden Lake, das weitaus rauhere Töne anschlägt.

Es sollte ein schönes, erholsames Wochenende werden: Steve (Michael Fassbender) macht mit seiner Freundin Jenny (Kelly Reilly) einen Ausflug an einen abgelegenen, idyllischen See, bevor dessen Ufer in naher Zukunft zu einem umzäunten Ferienort namens Eden Lake bebaut wird. Die traute Zweisamkeit, bei der Steve den passenden Augenblick abwägt, um Jenny endlich einen Antrag zu machen, wird jedoch von einer Gruppe rücksichtsloser Jugendlicher gestört. Versucht Steve zunächst noch freundlich darauf hinzuweisen, doch bitte die Musik leiser zu drehen und den aufdringlichen Rottweiler zurückzuhalten, dauert es nicht lange, bis die Situation eskaliert und das Paar vom gnadenlosen Brett (Jack O’Connell) und seinen Freunden durch die Wälder gejagt wird.

Die anfänglichen Pöbeleien und der dreiste Diebstahl, sowie die anschließende Beschädigung von Steves Geländewagen, arten drastisch aus und sobald die Jugendlichen zu roher Gewalt übergehen, ist Watkins‘ Film Adrenalin pur. Das Wochenende wird zur Hölle, der paradiesische Erholungsort zur ausweglosen Falle. Eden Lake präsentiert sich als brutaler Survival-Horror, der in seiner Intensität an Straw Dogs (Sam Peckinpah, 1971) erinnert, wenngleich es vordergründig weniger um Klassenkonflikte oder die konservative Angst vor dem Fremden geht, sondern darum, dass die scheinbar klaren Verhältnisse zwischen der Jugend und der Welt der Erwachsenen zu kippen droht. So lassen sich thematische Parallelen auch zu Stanley Kubricks Clockwork Orange (1971) finden, wenn man dort wie hier an das Scheitern von Erziehung und das moralbefreite Handeln junger Menschen denkt. Da letzteres in vollem Ausmaß lediglich auf Brett zutrifft, veranschaulicht Eden Lake darüber hinaus die – grundsätzlich selbstverständliche – Gefahr von Gruppendynamik in ungleichmässigen Kräfteverhältnissen. Wann immer einer von Bretts Gefolgsleuten Zweifel hegt, wird ihm mit schmerzhafter Bestrafung oder Ausschluss gedroht. Auf diese Weise wird die Angst vor fehlender Zugehörigkeit zu einem treibenden Faktor.

Letzten Endes geht es darüber hinaus aber gar nicht allzu sehr in die Tiefe, was man dem Film jedoch lediglich teilweise vorwerfen kann, wenn der ästhetische Fokus eindeutig auf den schonungslosen Folgen der hier vereinfachten Prozesse liegt. Kelly Reilly erweist sich hier als tapfere Protagonistin, die sich ihren Fluchtweg durch Blut, Schlamm und Dreck bahnt, aber das ein oder andere Mal ein wenig die Nachvollziehbarkeit vermissen lässt. Beispielsweise wird ihre Figur eingangs beruflich als Vorschullehrerin eingeführt, doch ihre pädagogischen Fähigkeiten kommen zu keinem Zeitpunkt in diesem Konflikt zur Geltung. Stattdessen ist es Fassbender als Steve, der bei der Suche nach einer Lösung im Dialog das Paar vertritt. An dieser Stelle verpasst Watkins, das Potential einer weiteren Ebene, die das erzieherische Element passenderweise als wirkungslos entlarven könnte, ausreichend zu nutzen. Trotz dieser und weiterer horrortypischer kleiner Unzulänglichkeiten, entpuppt sich Eden Lake als schnörkelloser, spannender Überlebenskampf, dem an der ein oder anderen Stelle eine bitterböse und, trotz Überzeichnung, erschreckend realistische Note verliehen wurde.

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