Ein Brief, der nie ankam

Ein Brief der nie ankam
© The Criterion Collection

Der in Georgien geborene Regisseur Michail Kalatosow ist der westlichen Welt wohl am ehesten durch seine Filme Wenn die Kraniche ziehen (1957) und Ich bin Kuba (1964) bekannt. Ersterer gewann 1958 die Goldene Palme in Cannes, zweitgenannter wurde von der Sowjetunion für 30 Jahre ins Archiv verbannt. Dazwischen drehte Kalatosow den leider viel zu unbekannten Ein Brief, der nie ankam, ein packend inszeniertes und herausragend bebildertes Drama, das mehr Beachtung verdient.

Im Frühling wird eine vierköpfige Gruppe von Forschern, bestehend aus Sabinin (Innokenti Smoktunowski), seinem Freund Sergei (Jewgeni Urbanski) und dem Geologenpaar Tanya (Tatjana Samoilowa) und Andrei (Wassili Liwanow), in der sibirischen Taiga abgesetzt; das Ziel der Expedition: Die Entdeckung eines Diamantenvorkommens, um der angeschlagenen Wirtschaft der sowjetischen Nation wieder auf die Beine zu helfen. Ein mühevolles Unterfangen, das den kompletten Sommer einnimmt. Als es schließlich doch noch zum Diamantenfund kommt, währt die Freude nur kurz, denn zwischen der Mine und dem Helikopter, der die vier wieder nach Moskau bringen sollte, tobt ein alles verschlingender Waldbrand, der die Rückkehr in einen gnadenlosen Kampf ums Überleben verwandelt.

Vier Menschen gegen die Natur, aber auch für und wider sich selbst, könnte man sagen, denn Kalatosow nutzt das Wechselspiel der Charaktere, um verschiedene Facetten des Menschseins zum Vorschein zu bringen und so fern von der Zivilisation große Emotionen zu erzeugen. Der titelgebende Brief ist für Sabinins Frau in der Heimat gedacht. Bei jeder Gelegenheit schreibt der Expeditionsleiter daran weiter, obwohl es keine Möglichkeit gibt, ihn ihr zukommen zu lassen. So wird das Schriftstück zu einem Journal seiner Gedanken und Gefühle. Letztere spielen auch für seinen Begleiter Sergei eine entscheidende Rolle, dessen unmögliche Liebe zu einer vergebenen Frau in Moskau sich hier in Sibirien zu einer enormen Frustration steigert, die er letztlich gegen Tanya und Andrei richtet. Bevor also die sich über Meilen erstreckenden Flammen die Gruppe auseinander reißen können, ist es zuvor psychologisch bereits geschehen.

Sowohl bei den inneren Konflikten, die sich im Mit- und vor allem im Gegeneinander äußern, als auch bei den konkreten Gefahren der die vier Menschen umgebenden Wildnis, drängt Kalatosow die von Sergei Urussewski gekonnt geführte Kamera stets ganz nah an das Geschehen. Bei entscheidenden Bewegungen scheint der Zuschauer förmlich an Körper und Gesicht der Figuren zu kleben, wenn sie sich ihren beschwerlichen Weg sowohl durch das Geäst, als auch durch die immer unangenehmer werdende Gruppendynamik kämpfen. Bereits vor Beginn der Katastrophe machen wunderschöne Weitwinkelaufnahmen die sibirische Natur fast greifbar; sobald die Flammen ausbrechen und nur Zentimeter von der Linse entfernt lodern, wird dem Zuschauer die gewaltige Kraft vollends bewusst. Schnitte setzt Kalatosow nur dort, wo es wirklich nötig ist.

Bildgewaltige Aufnahmen mit Handkamerabewegungen, wie sie heute viel zu selten auf der Leinwand zu spüren sind, und die tragische Zusammenkunft von Mensch und Natur im ehrfurchtgebietenden Inferno erheben Ein Brief, der nie ankam zu einem eindrucksvollen Stück russischer Filmgeschichte, das jedes Cineastenherz höher schlagen lässt.

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