This Charming Girl

This Charming Girl
© CJ Entertainment

Manchmal braucht es nicht viel, um einen sehenswerten Film zu drehen. Der mehrfach preisgekrönte Debütfilm von Lee Yoon-ki, This Charming Girl, erzählt eine sehr reduzierte Geschichte, die eigentlich gar keine ist, sondern viel mehr die filmische Skizze eines Charakters.

Insofern ist jeder Handlungsabriss gleichermaßen umfassend wie nichtssagend. Die junge Frau Jeong-hye (Kim Ji-soo) lebt allein in einer kleinen Wohnung und fährt täglich mit dem Bus zur Arbeit auf dem Postamt. Für die Kolleginnen hat sie auf Nachfrage höfliche Worte übrig, aber keine emotionale Bindung. Von Freunden und Familie ist nichts zu sehen; die Abende verbringt Jeong-hye vor dem Fernseher, ohne sich wirklich mit dem Gezeigten zu befassen. Am nächsten Tag beginnt die Routine von neuem.

Regisseur Lee hält den Plot minimal und weitgehend so belanglos und unscheinbar wie seine Protagonistin selbst, die nicht auf Menschen zugeht, niemals die Initiative ergreift und nur ihr leeres, einsames Dasein fristet. Erst als sie vor dem Haus ein kleines Kätzchen findet und bei sich aufnimmt, sind erste Anzeichen einer Öffnung spürbar. Warum Jeong-hye jedoch allgemein derart emotional abgeschottet gegenüber ihren Mitmenschen agiert, deutet Lee mit prägenden Augenblicken ihrer Vergangenheit an, die inszenatorisch geschickt in die gegenwärtigen Szenen verwoben wurden. Kein Schnitt trennt die Rückblicke vom Hier und Jetzt, sondern oft nur eine Kamerabewegung, ein kleiner Schwenk. Räumlich bewegt sich das Bild vielleicht nur um wenige Meter, während es zeitlich viele Jahre zurückblicken lässt. So gewinnen vergangene Traumate fast schon eine Beiläufigkeit, die zu Jeong-hye passen mag, hat sie doch alles Negative aufgesogen und in die hinteren Kammern ihres Innersten verdrängt.

Statt den Blick auf sich selbst zu richten, hat Jeon-hye das Auge für die kleinen Dinge des Alltags, für die subtilen Momente, an denen uns die zurückhaltende Kamera teilhaben lässt. Normalerweise am Rande der Wahrnehmung, widmet sich Lee dem Unscheinbaren wie beispielsweise dem Verlieren von Wimpern und dem Einschlafen im Bus, Belanglosigkeiten, die ihm Einklang mit seiner zurückgezogenen Protagonistin stehen. Ihre Motivationen bleiben weitgehend vage, so richtig lernen wir Jeong-hye nicht kennen, denn dafür ist sie zu komplex, und doch fühlt man sich hinterher ein wenig näher, vielleicht ein wenig hoffnungsvoller, auf jeden Fall aber um eine Erfahrung reicher. This Charming Girl ist ein minimalistisches Drama, eine entschleunigte Charakterstudie, die sich ganz allmählich in der Gewöhnlichkeit des Alltags entfaltet. Gemächlich und still, doch mit einem tiefsitzenden Druck, für den Jeong-hye nach all der Zeit möglicherweise ein Ventil findet. Und dann? Wer weiß…

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