Blind

Blind FilmplakatIn Norwegen ist Eskil Vogt der Filmwelt für seine Drehbücher zu Joachim Triers Filmen Auf Anfang (2006) und Oslo, 31. August (2011) bekannt; nun war er für das Drama Blind erstmals nicht nur als Autor tätig, sondern nahm auch auf dem Regiestuhl Platz.

Die erblindete Ingrid (Ellen Dorrit Petersen) zieht sich immer weiter in die eigenen vier Wände zurück. Das Haus verlässt sie schon seit einer Weile nicht mehr. Mit ihren Gedanken allein gelassen, visualisiert Ingrid verborgene Ängste und unterdrückte Fantasien, die ihren Ehemann Morten (Henrik Rafaelsen) und die Nachbarn Elin (Vera Vitali) und Einar (Marius Kolbenstvedt) involvieren.

Dem ersten Anschein nach, passiert in Blind nicht viel, handelt der Film schließlich vom eigentlich alles andere als erfreulichen Leben einer blinden Frau. Am Fenster sitzen und den Geräuschen lauschen, das Radio einschalten, nachdenklich in sich gehen. Nach draußen wagt sich Ingrid nicht. Seine Faszination schöpft Vogts Debütfilm weniger aus der Filmhandlung selbst, als aus der Erzählperspektive. Die Kamera wird zu den Augen der Protagonistin, ist man geneigt zu sagen, doch da diese nichts sieht, können die Bilder nichts anderes als bloße Annäherungen an die Wirklichkeit sein. Das präzise Sounddesign wird mit Aufnahmen komplementiert, die das Gehörte visualisieren und einer Vorstellung zuordnen. Der Blick, den der Zuschauer einnimmt, ist auf das Innenleben Ingrids gerichtet und darauf, wie es die sie umgebende Realität wahrnimmt.

Diese Wahrnehmung hat selbstverständlich keine Möglichkeit, visuell bestätigt oder widerlegt zu werden, und so ist die Kamera durchgehend illusionär, denn die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion ist nicht mehr feststellbar. Lernen wir die anderen Figuren tatsächlich kennen oder nur Ingrids Interpretation von ihnen? Vogt geht es nicht um definitive Antworten, sondern um die nicht seltene Geschichte eines blinden Menschen und um die Veranschaulichung eines Zustands, der die Verlässlichkeit der subjektiven Wahrnehmung noch weiter einschränkt. Wo also ein derart visuelles Medium wie Film sich zunächst scheinbar ironisch zur behandelten Thematik verhält, ist es vielleicht doch die bestmögliche Art und Weise, den Verlust eines unserer wichtigsten Sinne begreifbar und erlebbar zu machen und zugleich den dokumentarischen Blick von außen zu vermeiden.


Originaltitel: Blind
Regie: Eskil Vogt
Drehbuch: Eskil Vogt
Produktionsland: Norwegen
Produktionsjahr: 2014

Copyright der Bilder: Axiom Films

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