Die Frau in den Dünen

Die Frau in den Dünen - Filmplakat1964, zwei Jahre nach dem Erscheinen des gleichnamigen Romans, drehte Hiroshi Teshigahara mit Die Frau in den Dünen einen experimentellen, symbolträchtigen Film, wie er wohl kaum besser passen könnte, als in die transgressiven 60er Jahre des japanischen Kinos. Um die Nähe zur Vorlage zu garantieren, war Autor Kōbō Abe auch für das Drehbuch der Verfilmung zuständig; Teshigahara warf die eigenartige Erzählung schließlich in Form von unvergesslichen Bildern auf die Leinwand, was ihm in Cannes den Spezialpreis der Jury und bei den Oscars eine Nominierung als Bester fremdsprachiger Film einrachte.

Der Film handelt vom Entomologen Junpei (Eiji Okada), den die Suche nach seltenen Insekten in eine abgelegene Küstengegend fernab der Stadt führt. Nachdem er seinen letzten Bus zurück verpasst hat, führen in die Dorfbewohner zum Haus einer jungen Witwe (Kyōko Kishida), wo er die Nacht verbringen kann. Die Behausung befindet sich jedoch in einem steilen Graben unterhalb einer Klippe, der nur über eine herabgelassene Strickleiter erreicht werden kann. Als am nächsten Morgen jede Spur von der Leiter fehlt und die Senke außerdem von meterhohen Wanderdünen umgeben ist, beginnt für Junpei ein nicht enden wollender Alptraum der Gefangenschaft. Während die Frau damit beschäftigt ist, den andauernd durch die Ritzen des Hauses dringenden Sand zu beseitigen, nimmt der Insektenforscher den schier aussichtslosen Kampf gegen die Dünen an.

Doch die Erkenntnis über die Ausweglosigkeit der Situation zieht sich bald bis in die hintersten Winkel des Verstandes, ganz so wie der Sand auch die untersten Schichten der Kleidung durchdringt und sich am ganzen Leib festsetzt. Ein ekelhaftes Gefühl, das Teshigahara mit eindringlichen Nahaufnahmen einfängt. Sandkörner, Hautporen und Schweißtropfen werden in Überlebensgröße visualisiert und erzeugen eine hypnotische Wirkung, vor allem dann, wenn sich Junpei zwischen Freiheitsdrang und Resignation auf eine Affäre mit der jungen Frau einlässt. Das sinnliche Wechselspiel der Körper und das verzweifelte Klettern in den instabilen Dünen – zwei Seiten des schrittweisen Zerfalls mentaler Stärke. Aus dem äußeren Kampf wird ein innerer, wenn sich der Protagonist mit seiner tückischen Situation und den so fremdartigen Gedanken und Handlungen der einsamen Witwe arrangieren muss.

Die Frau in den Dünen ist ein existenzialistisches Drama, dessen Überlegungen sich ganz bewusst nicht in verdaulichen Stücken präsentieren, sondern als Metaphern und Symbole ganz im experimentellen Stil aufgehen. Dennoch bietet der Film einen vielleicht halbwegs zugänglichen Einstiegspunkt in die Japanese New Wave, die in Bezug auf ihre Machart noch weit sperrigere und abweisendere Werke hervorgebracht hat. Der philosophische Gehalt von Abes Geschichte und Teshigaharas Verfilmung lässt sich im Detail in umfangreichen Essays erörtern, doch bevor sich der Geist überhaupt an eine rationale Herangehensweise wagen kann, gilt es zuerst, sich der alles verschlingenden Sogwirkung dieses bildgewaltigen, einengenden, nachdenklichen und intensiven Filmerlebnisses voll und ganz hinzugeben.


Originaltitel: Suna no onna
Regie: Hiroshi Teshigahara
Drehbuch: Kōbō Abe
Produktionsland: Japan
Produktionsjahr: 1964

Copyright der Bilder: trigon-film

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4 Gedanken zu “Die Frau in den Dünen

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